“Schuju” in der Tankstelle: Mitarbeiterschulung statt nächtliches Alkoholverbot

Die Mineralöl-Industrie und über 15 unterschiedliche Verbände – von Berufsschullehrern über die Spirituosen-Wirtschaft bis zur Deutschen Barkeeper-Union – haben eine neue Runde der bundesweiten “Schulungsinitiative Jugendschutz” (Schuju) gestartet. Ihr Ziel ist, die Verkäufer in den Tankstellenshops so zu schulen, dass sie keine verbotenen alkoholischen Getränke an Jugendliche verkaufen. Laut Jugendschutzgesetz dürfen Bier und Wein an Jugendliche erst ab 16 Jahren, branntweinhaltige Getränke nur an Erwachsene abgegeben werden.

Die Praxis an den “Tanken” sieht vor allem abends und nachts anders aus. Jugendliche besorgen sich dort gern ihren “Stoff” für die private Party oder zum “Vorglühen” vor der Disko. Im Hinblick auf den Jugendschutz drücken die Verkäufer gern ein Auge zu und verzichten auf Kontrollen.

Verkäufer-”Sensibilisierung” durch Online-Kurs und Rechenhilfe

Die “Schulungsinitiative Jugendschutz” hat genau diese Praxis im Visier. Sie existiert seit 2007 und erreichte bisher mehr als 100.000 Mitarbeiter in Gastronomie und Einzelhandel. Die Neuauflage 2012 fokussiert sich nun vor allem auf die Tankstellen-Verkäufer. Angelika Wiesgen-Pick, Geschäftsführerin des Bundesverbandes der Deutschen Spirituosen-Industrie (BSI) erklärte, dass “Jugendschutz eine gesetzliche und moralische Verpflichtung” sei.

Das Programm soll sicherstellen, dass diese in der Praxis eingehalten wird. Seine Inhalte: Ausweiskontrollen vor dem Verkauf von Alkohol an junge Kunden, Konsequenz, in schwierigen Situationen notfalls Hilfe holen. Ein Online-Training, Info-Materialien und eine sogenannte Alterskontrollscheibe als Rechenhilfe sollen die Verkäufer ebenfalls für die Problematik “sensibilisieren”.

Nächtliches Verkaufsverbot für Alkohol – eine Lobby-Frage?

Das Problem im Hintergrund: Die Branche möchte für den Alkoholverkauf in Tankstellen-Shops strengere gesetzliche Regelungen vermeiden. In Hessen hatte die SPD erst im Februar 2012 einen Gesetzesentwurf in den Landtag eingebracht, der den Verkauf von Alkohol zwischen 22 Uhr und fünf Uhr völlig untersagen sollte und ausdrücklich auch Tankstellen und Kioske einbezog.

Für die Tankstellenpächter und die Industrie – Mineralölwirtschaft ebenso wie Alkohol-Hersteller – hätte dies Konsequenzen: Viele Pächter erzielen rund 60 Prozent ihres Umsatzes mit dem Verkauf von Lebensmitteln, Zeitschriften und eben Alkohol und Zigaretten in den Shops. Zwar werden dort bisher nur zwei Prozent der in Deutschland verkauften alkoholischen Getränke abgesetzt – ein nächtliches Verkaufsverbot würde jedoch Zeichen setzen.

Gesetzentwürfe zu Alkoholverboten – ob als zeitlich limitiertes Verkaufsverbot oder als generelles Verbot des Alkoholkonsums im öffentlichen Raum – finden bisher keine Lobby. Die “Schulungsinitiative Jugendschutz” reagiert jetzt – wieder einmal – auf eine seit Jahren präsente öffentliche Diskussion. Wir meinen – eher pro forma und mit untauglichen Mitteln. “Schuju” – das Kürzel, welches das Programm sich selbst gegeben hat, passt zu diesem Ansatz.

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Datum: Montag, 25. Juni 2012 11:02
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