Was ist eigentlich das “Suchtgedächtnis”?

Bei einem Ausstieg aus der Alkoholabhängigkeit oder dem missbräuchlichen Konsum von Alkohol unterhalb der Schwelle zu einer expliziten Sucht spielt nicht zuletzt das Phänomen des individuellen Suchtgedächtnisses eine Rolle. Dieses führt auf der psychischen ebenso wie der körperlichen Ebene dazu, dass “trockene” Alkoholiker den Kontakt zu ihrem Suchtstoff lebenslang meiden müssen, dass “kontrolliertes Trinken” für viele Suchtgefährdete keine Alterative zu totaler Abstinenz sein kann und ist der Hintergrund von Rückfällen in den Alkohol nach zunächst erfolgreichen Entwöhnungstherapien.

Fakt ist: Nicht jeder, der regelmäßig Alkohol konsumiert, wird abhängig und prägt ein Suchtgedächtnis aus – ein Beispiel sind hier Gewohnheitstrinker, die durchaus große Mengen Alkohol zu sich nehmen können, jedoch keine Probleme damit haben, auf Wunsch auch abstinent zu leben. Problematisch wird es immer dann, wenn jemand trinkt, um negative Emotionen – etwa Stress oder Ängste – zu vermeiden oder durch den Alkohol positive Effekte – Entspannung, Euphorie – erzeugen will. Das Gehirn “merkt” sich auf neurophysiologischer Ebene die Resultate äußerst schnell und erzeugt so einen intensiven Anreiz zur Wiederholung respektive für den Beginn der Sucht.

Alkohol greift in den Gehirnstoffwechsel ein

Die Prozesse hinter der Entstehung des physiologischen Suchtgedächtnisses sind komplex – einige Grundaspekte verdeutlichen die Brisanz des Themas: Alkohol beeinflusst im Gehirn das Opiat-Zentrum über die Rezeptoren für die sogenannten Glückshormone Serotonin und Dopamin, gleichzeitig greift der Suchtstoff in den Glutamat-Stoffwechsel des Gehirns ein und bewirkt damit eine – für den Trinkenden angenehme – Drosselung der Hirnaktivitäten. Aus letzterem resultieren übrigens die Strapazen im Prozess der unmittelbaren Entgiftung – bei Alkoholikern fährt das Gehirn ein “Glutamat-Notprogramm”, um die Übertragung von neurologischen Signalen im Körper abzusichern, während des Entzugs löst der plötzliche Glutamat-Überschuss in Kopf und Körper der Betroffenen ein neurologisches “Gewitter” aus.

Suchtverhalten – tendenziell vom Suchtstoff abgekoppelt

Forscher haben durch Kernspin-Aufnahmen nachgewiesen, dass der übermäßige Konsum von Alkohol Gehirnstrukturen in evolutionär sehr “alten” Hirnarealen ändert und damit die Sucht-Muster physiologisch sehr fest verankert. Deren Aktivierung erfolgt später nicht nur beim “Genuss” von Alkohol, sondern bereits durch individuell typische Trinkanlässe oder sogar durch den virtuellen Anblick eines “leckeren Biers” in einem Werbespot.

Moderne Verhaltenstherapien für Alkoholkranke setzen – teilweise mit medikamentöser Unterstützung – an der Unterbrechung solcher neurophysiologischen Mechanismen an. Im Kern geht es dabei um die physiologische “Löschung” des Sucht-”Programms” sowie das psychische Training eines erfüllten Lebens ohne Alkohol.

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Datum: Montag, 23. April 2012 11:48
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