US-Psychologe: Süchtige brauchen lohnendere Lebensperspektive

Alkoholkonsum und Alkoholsucht sind seit langem ein relevantes Forschungsthema. In der wissenschaftlichen Diskussion hat sich weitgehend das Paradigma durchgesetzt, dass Süchte – also auch Alkoholismus – eine Krankheit sind. Die Definition der Sucht als pathologisches Phänomen geht unter anderem auf den New Yorker Mediziner William Duncan Silkworth (1873 – 1951) zurück, der die Alkoholsucht mit dem körperlichen “Kontrollverlust” bei einer Allergie verglich.

Im landläufigen Bewusstsein gilt Alkoholsucht dagegen oft als Willensschwäche – Forscher der Universität Greifswald konnten dies unter anderem durch Auswertung von 321 internationalen Studien belegen. Der Harvard-Psychologie Gene Haymann argumentiere in seinem Buch “Sucht: Störung der Entscheidungsfreiheit” jetzt in die gleiche Richtung. Alkoholiker sind aus seiner Sicht nicht krank, sondern geht davon aus, dass Süchtige vor allem eine “lohnendere Lebensperspektive” brauchen.

Ausweg aus der Sucht: Motivation und Perspektiven

Haymann will mit dieser These Alkoholiker und Drogenabhängige nicht stigmatisieren, ist jedoch der Meinung, dass Ärzte, ihr individuelles Umfeld und nicht zuletzt sie selbst die Motivation dafür erzeugen müssen, ihr Leben wieder selbst zu steuern. Seine Kritiker führten unter anderem an, dass Stoffwechselvorhänge im Gehirn – beispielsweise alkoholbedingte Veränderungen des Dopamin-Haushalts und damit neurobiologischer “Belohnungsmechanismen” – die Sucht auch physiologisch zementieren.

Der Suchtforscher Falk Kiefer, stellvertretender Direktor des Zentrums für Seelische Gesundheit Mannheim, geht davon aus, dass eine Sucht den daran Erkrankten keine Wahl mehr lässt. Gegenüber Haymanns Theorie führte er an, dass die Voraussetzungen jeder Entscheidung nicht in objektiven, sondern “subjektiv wahrgenommenen Handlungsalternativen” liegen.

Haymanns These gibt Abhängigen und Gefährdeten Eigenständigkeit zurück

Ein Widerspruch zu Haymanns These ist zumindest das letzte Argument nur scheinbar – der US-amerikanische Psychologe beschrieb unter anderem, dass auch langjährige Alkoholiker sich durch veränderte Lebenssituationen – und damit subjektive Reaktionen – aus ihrer Sucht befreien konnten. Auch neurobiologischen Erklärungen für die Willensunabhängigkeit von Süchten widersprach er: Beispielsweise mache Dopamin zwar den Unterschied “zwischen Lust und Unlust” aus, jedoch nicht zwischen Suchtfreiheit und Sucht. Als Beleg dafür zitierte er epidemiologische Studien in größerem Rahmen, die aus seiner Sicht belegten, dass mehr als die Hälfte der Süchtigen sich ohne therapeutische Hilfe aus ihrer Abhängigkeit befreien. Medikamente zur Alkoholentwöhnung wertete Haymann als – allerdings forcierte, den Lustfaktor eliminierende – Entscheidungshilfen.

Abgesehen von der Wissenschafts-Debatte im engeren Sinne: Haymanns Motivations-Fokus gibt Alkoholsüchtigen und Suchtgefährdeten ein großes Stück Eigenständigkeit zurück. Das Therapeuten-Team der Gesundheitsakademie Schmidbauer setzt in der Suchtbehandlung ebenfalls auf die Entwicklung und bewusste Veränderung von Motivationsfaktoren. Zusammen mit unseren Klienten erarbeiten wir positive Perspektiven und Handlungsräume außerhalb der Sucht.

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Datum: Freitag, 15. Juni 2012 11:46
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