Trinken in der Schwangerschaft ist “schwerste Kindesmisshandlung”

In Rostock tagt derzeit die Landeskinderschutzkonferenz. Auf der Agenda stand auch das Thema “Trinken in der Schwangerschaft“. Der Arzt Hans-Ludwig Spohr von der Berliner Charité fand klare Worte – Alkoholkonsum in der Schwangerschaft ist aus seiner Sicht die schwerste Form von Kindesmisshandlung überhaupt.

Laut Hans-Ludwig Spohr kommen in Deutschland pro Jahr etwa 4.000 Kinder mit alkoholbedingten Hirnschäden zur Welt. Seine Schätzung liegt damit doppelt so hoch wie bisherige offizielle Zahlen. Die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) ging bisher von rund 2.000 Kindern mit einem voll ausgeprägten “Fetalen Alkoholsyndrom (FAS)” aus, dazu kommen etwa 10.000 weitere Kinder, die unter sogenannten “fetalen Alkohol-Effekten” leiden.

Häufigste angeborene Entwicklungsstörung: Schädigung durch Alkohol

Der Berliner Arzt beschrieb Schädigungen durch den Alkoholkonsum der Mutter als die häufigsten angeborenen Entwicklungsstörungen überhaupt. Alkohol verändere bereits beim ungeborenen Kind die Arbeit bestimmter Gene sowie die Struktur der Nervenzellen. Molekulare Signale werden daher von Anfang an nicht richtig übermittelt und das Gehirn so dauerhaft und unumkehrbar angegriffen. Kinder von Müttern, die sich in der Schwangerschaft nicht für Abstinenz entschieden haben, sind oft in ihrem Verhalten, ihrem Wachstum sowie in ihrer Intelligenz gestört.

Nur ein geringer Teil der Kinder, die bereits mit einer Schädigung durch Alkohol ins Leben treten, weisen augenfällige Behinderungen und die typischen FAS-Anzeichen – insgesamt kleiner Kopf, kleine Augen, schmale Oberlippe – auf. Viel verbreiteter sind Verhaltensauffälligkeiten: Konzentrationsschwierigkeiten, Lernstörungen, Hyperaktivität oder Aggressionen. Spohr führte in diesem Kontext aus, dass viele solcher Kinder schließlich in Heimen oder Pflegefamilien landen, die den Folgen der alkoholbedingten Schädigung jedoch ebenfalls oft nicht gewachsen sind.

Lösungsansätze durch Aufklärung, Beratung und familienfreundliche Strukturen

Die Möglichkeiten der Gesellschaft, vorgeburtliche Alkohol-Schädigungen zu verhindern, sah Spohr allerdings als sehr begrenzt, als den einzigen Lösungsansatz hierfür betrachtete er die kontinuierliche Aufklärung der Schwangeren. Auch wenn eine Frau zu Beginn der Schwangerschaft noch Alkohol getrunken habe, sei es nie zu spät, das Trinken einzustellen und damit eine Schädigung des Kindes zu verhindern oder einzudämmen. Der Sozialpädagoge Matthias Müller aus Neubrandenburg plädierte außerdem dafür, trinkenden Schwangeren Hilfe durch ein Beratungs- und Unterstützungsnetzwerk anzubieten, das Ärzte, Hebammen und Sozialarbeiter sowie diverse staatliche/öffentliche Institutionen umfasst und Alkoholprobleme in der Schwangerschaft gleichzeitig durch die Schaffung von insgesamt familienfreundlichen Strukturen angeht.

Aus Sicht der Gesundheitsakademie Schmidbauer ist Alkoholkonsum in der Schwangerschaft selbstverständlich ein absolutes No-Go. Nach aktuellen medizinischen Erkenntnissen gilt dies auch für kleinste Mengen, beispielsweise ein Glas Sekt bei Festlichkeiten. Bei einer geplanten Schwangerschaft raten wir zukünftigen Eltern, ihren bisherigen Umgang mit Alkohol kritisch zu überprüfen und gegebenenfalls zu ändern. Dabei geht es uns nicht nur um eine “gesunde Schwangerschaft”, sondern auch darum, eine familiäre Atmosphäre zu schaffen, in denen Suchtmittel und -Gefahren keine Rolle spielen. Wenn Alkohol Ihren Alltag in der Vergangenheit in hohem Maße prägten, bieten wir in unseren Intensiv-Trainings für eine alkoholfreie Lebensweise dafür professionelle Hilfe an.

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Datum: Freitag, 16. November 2012 10:52
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