Studie der Uni Göttingen: Medizinstudenten lernen zu wenig über Süchte

Eine bundesweite Studie der Universität Göttingen hat sich jetzt die Ausbildung angehender Mediziner unter dem Aspekt der Erkennung, Behandlung und Prävention von Süchten etwas genauer angesehen. Befragt wurden dafür rund 20.000 Studenten an deutschen Universitäten. Das Ergebnis gibt zu denken: Suchtmedizinische Themen spielen in den Stundenplänen im Vergleich zu “Volkskrankheiten” wie Bluthochdruck oder Diabetes eine marginale Rolle.

Dass die Alkoholsucht inzwischen ebenfalls den Rang einer “Volkskrankheit” belegt, wird dabei seit Jahren übersehen. Aktuelle Schätzungen sprechen von 1,3 bis drei Millionen schwer alkoholkranker Menschen in Deutschland – als solche werden alle Personen angesehen, die unter Entzugserscheinungen leiden, sobald der Nachschub ihres Suchtstoffs ausbleibt.

Alkohol gilt als “Kulturgut”, die Suchtgefahr wird ausgeblendet

Der Münchner Sucht-Experte und Vorsitzende der Deutschen Gesellschaft für Suchtmedizin Markus Backmund fand für die Situation gegenüber der “Welt” recht harsche Worte – aus seiner Sicht hat die Vernachlässigung des Themas “Alkoholsucht” an den medizinischen Fakultäten ideologische Gründe. Die ausschlaggebende Rolle spiele hier die landläufige Bewertung von Alkohol als ein “Kulturgut”.

Backmund zitierte hier das Oktoberfest in München – aus seiner Sicht eine organisierte “Massenintoxikation” – als ein Paradebeispiel. Das hohe Suchtpotential von Bier, Wein und “harten” Alkoholika werde dagegen weitgehend ausgeblendet – verhängnisvoll vor allem für “Menschen mit psychischen Problemen” und dadurch erhöhter Suchtgefährdung.

Ärzte erkennen Süchte nicht oder reagieren nicht darauf

Backmund ging in seiner Stellungnahme davon aus, dass es in Deutschland deutlich weniger schwere Alkoholiker geben könnte, wenn Mediziner auf die Suchterkrankung angemessen reagieren würden. Seiner Schätzung nach leidet in den Krankenhäusern jeder “vierte bis fünfte Patient” auch unter Süchten – viele Ärzte erkennen jedoch entweder die Suchterkrankung nicht oder reagieren nicht darauf. Alkoholismus würde im Durchschnitt erst nach etwa 15 Jahren diagnostiziert.

Dabei sei jede Sucht eine schwere Krankheit – beispielsweise griffen Alkoholiker mit Magenblutungen trotzdem weiterhin zur Flasche. Das Problem im Hintergrund: Das Verständnis für die Suchtpatienten sowie die Mechanismen und Zwänge der Erkrankung wird angehenden Ärzten in ihrem Studium nicht vermittelt.

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Datum: Mittwoch, 6. Juni 2012 11:37
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