Rückfall in den Alkohol – keine Katastrophe, sondern eine Chance

Medizinische Statistiken besagen: 50 Prozent der Alkoholkranken, die zusätzlich zur Entgiftung eine Therapie durchlaufen haben, erleben im ersten Jahr danach einen Rückfall, bei Alkoholikern ohne Therapie liegt diese Zahl sogar bei 80 Prozent. Für die Betroffenen kann er eine Katastrophe sein – ein inneres Versagens-Szenario wird Realität. Hinzu kommen die “Enttäuschung” von Angehörigen und Therapeuten und ein sich verstärkendes soziales Stigma.

Als erstes: Natürlich ist ein Rückfall ernst zu nehmen und wirft Fragen auf – eine Katastrophe ist er nicht. Auch Vorwürfe – und Selbstvorwürfe – im Hinblick auf das gebrochene Abstinenz-Versprechen sind kontraproduktiv. Es geht bei einem Rückfall nicht um “Uneinsichtigkeit”, “Scheitern” oder “Willensschwäche”, sondern um die langfristige Präsenz der Sucht respektive das “Suchtgedächtnis” unseres Körpers/unserer Psyche.

Ausstieg aus der Sucht – ebenso komplex wie diese selbst

Wir sind daran gewöhnt, linear und in Erfolgsschemata zu denken – eine erfolgreiche Suchtbehandlung bedeutet hier: Akzeptanz/Erkenntnis des Vorhandenseins einer behandlungsbedürftigen Sucht – Ausstieg/Intervention/erfolgreiche Therapie – positive “Lebensänderung” inklusive dauerhafter Abstinenz. Dass das Schema bei jedem zweiten therapierten Alkoholiker versagt, verweist nicht auf deren individuelle “Schwäche”, sondern auf die Komplexität der Sucht und nicht zuletzt auf die “innere Speicherung” ihrer einzelnen Aspekte und auslösenden Faktoren.

Ein Rückfall in den Alkohol beginnt – von “Ausrutschern” einmal abgesehen – lange vor dem nächsten Glas und als Trink-Szenario im Kopf. Alkohol war für die Betroffenen lange Zeit “normal”, “Freund und Begleiter” oder “Seelentröster” – der Ausstieg aus der Sucht hinterlässt hier noch für lange Zeit eine “leere Stelle”. Auch lebensgeschichtlich bedingte Sucht-Faktoren und ihre Folgen sind durch die Abstinenz nicht automatisch ausgeschaltet und erzeugen zumindest unbewusst oft weiterhin Trink-Bedürfnis. Außerdem kommen bei einem Rückfall biochemische Mechanismen zur Wirkung – bereits geringe Mengen Alkohol aktivieren unter Umständen nicht nur das psychische “Suchtgedächtnis”, sondern gleichzeitig ein ganzes System Alkohol- und damit suchtbezogener Körpervorgänge.

Ein Rückfall ist menschlich – und eine neue Chance

Vor diesem Hintergrund ist ein Rückfall vor allem menschlich und führt auch nicht zwangsläufig zurück zum Nullpunkt und in eine erneute Alkoholiker-Karriere. Allerdings verweist er oft auf bisher ungelöste Probleme beim Ausstieg aus der Sucht – fortbestehende innere oder äußere Konflikte, das Fehlen positiver Alkohol-Alternativen und anderes. Ein Rückfall ist damit auch eine neue Chance für den Weg in ein wirklich selbstbestimmtes Leben – professionelle Therapeuten und/oder Selbsthilfegruppen sind dabei wertvolle Begleiter.

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Datum: Freitag, 23. März 2012 10:37
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