Nordrhein-Westfalen: Zahl der jugendlichen Koma-Trinker nimmt zu

Binge- oder Rausch-Trinken respektive das sogenannte Koma-Saufen ist vor allem bei Jugendlichen verbreitet. In die Schlagzeilen der Medien schafft es das Thema immer dann, wenn wieder ein Jugendlicher mit einer lebensgefährlichen Alkoholvergiftung ins Krankenhaus eingeliefert wird oder wenn angetrunkene Randalierer Gewaltexzesse provozieren.

Medizinstatistiken belegen, dass der Alkoholmissbrauch von Jugendlichen in den letzten Jahren zwar leicht zurückgegangen ist, Binge-Trinken jedoch in der Altersgruppe zwischen zwölf und 18 Jahren sowie bei jungen Erwachsenen nach wie vor ein gravierendes Problem ist. Die Krankenkasse DAK-Gesundheit legte jetzt für Nordrhein-Westfalen neue Zahlen vor, in die Berechnung sind neben den Krankenkassen-Daten auch Angaben des Statistischen Landesamtes eingeflossen.

Behandlungsbedürftige Räusche Jugendlicher nehmen deutlich zu

Demnach ist die Zahl jugendlicher Koma-Trinker in Nordrhein-Westfalen im letzten Jahr nochmals angestiegen. 2010 wurden insgesamt 6.278 Jugendliche mit einem akuten Rausch in Krankenhäuser eingeliefert, 2011 war diese Zahl um 4,3 Prozent auf 6.548 Fälle angestiegen. Besonders alarmierend: Die DAK bezog sich dabei – allerdings bisher ohne detaillierte Angaben für die einzelnen Altersgruppen – auf akute Alkoholvergiftungen bei Kindern, Jugendlichen und jungen Erwachsenen zwischen zehn und 20 Jahren. Im Jahr 2003 wurden in der gleichen Altersgruppe lediglich 3.000 Fälle registriert.

Wegen expliziten Koma-Trinkens mussten 2011 interessanterweise deutlich mehr Mädchen als Jungen stationär behandelt werden. In nordrhein-westfälischen Kliniken landeten wegen schwerster Trunkenheit im vergangenen Jahr 495 Mädchen, jedoch nur 474 Jungen. Trotzdem ist der Alkoholmissbrauch junger Menschen auch in Nordrhein-Westfalen überwiegend männlich fokussiert – rund 66 Prozent aller wegen ihres Alkoholmissbrauchs akut behandlungsbedürftigen Patienten zwischen zehn und 20 Jahren waren Jungen oder junge Männer.

Versagen der öffentlichen Prävention?

DAK-Landesvorstand Hans-Werner Veen wertete den erneuten Anstieg des Alkoholmissbrauchs von Jugendlichen auch als Indiz, dass das Land mit seiner Präventionsarbeit noch nicht am Ziel ist. Auch die nordrhein-westfälische Gesundheitsministerin Barbara Steffens (Grüne) sah den aktuellen Trend als eine “bedenkliche Entwicklung.” Nordrhein-Westfalen engagiert sich traditionell sehr stark und mit verschiedenen Programmen für die Prävention des jugendlichen Alkoholmissbrauchs. Die DAK-Zahlen bestätigen jetzt allerdings eher die vor wenigen Wochen geäußerte Fundamentalkritik des Deutschen Instituts für Medizinische Dokumentation (DIMDI). Nach einer Analyse von mehr als 200 Präventionsprojekten hatten die dortigen Experten konstatiert, dass fast alle entsprechenden Kampagnen mangels einer exakter Kosten-Nutzen-Analysen und Wirksamkeitskontrollen eher “Pro-forma”-Aktionen sind.

Aus Sicht der Gesundheitsakademie Schmidbauer ist die “private” Prävention des Alkoholmissbrauchs von Jugendlichen fast noch wichtiger als öffentliche Kampagnen oder Alkoholverbote. Hierbei sind vor allem die Eltern in der Pflicht, die dafür Sorge tragen sollten, dass Alkohol – “Kulturgut” oder nicht – im Familienalltag nicht selbstverständlich ist und besonderen Gelegenheiten vorbehalten bleibt. Gleichzeitig geht es darum, Selbstbewusstsein und Selbstwertgefühl der Kids so zu stärken, dass sie sich in ihrer “Peer Group” später nicht durch exzessives Trinken oder andere Verhaltensweisen “beweisen” müssen.

Be Sociable, Share!

Autor:
Datum: Mittwoch, 7. November 2012 11:42
Trackback: Trackback-URL Themengebiet: Alkoholsucht

Feed zum Beitrag: RSS 2.0 Diesen Artikel kommentieren

Kommentar abgeben