Mannheimer Studie: Alkoholkonsum in der Pubertät beeinflusst späteres Trinkverhalten

Wer in der Pubertät damit beginnt, Alkohol zu konsumieren, wird wahrscheinlich auch im späteren Leben dazu neigen, größere Mengen des potentiellen Suchtstoffs zu konsumieren. Während der Pubertät verändert sich das Belohnungssystem des menschlichen Gehirns in hohem Maße, es ist in dieser Lebensphase damit auch anfälliger für durch Suchtmittel ausgelöste Stimulationen. Eine Langzeitwirkung frühen Trinkens ist vor diesem Hintergrund nicht ausgeschlossen.

Zu diesen Ergebnissen kamen Wissenschaftler des Mannheimer “Zentralinstituts für Seelische Gesundheit” im Rahmen einer Langzeitstudie mit 283 jungen Erwachsenen. Das Forscherteam um die Psychopharmakologie-Expertin Miriam Schneider wertete deren Alkoholkonsum dahingehend aus, ob sie bereits in der Pubertät getrunken haben. Veröffentlicht werden die Studienergebnisse im Oktober dieses Jahres im Fachjournal “Alcoholism: Clinical & Experimental Research”.

Jugendliche Entwicklungsphasen beeinflussen spätere Disposition für Süchte

Die Forscher definierten den Beginn der Pubertät mit dem Einsetzen der Geschlechtsreife, die meisten Jugendlichen erleben ihn heute im Alter zwischen zwölf und 14 Jahren. Allerdings verschiebe sich diese Altersgrenze heute immer mehr nach vorn. Viele Teenager beginnen etwa zeitgleich, Alkohol zu trinken und legen damit eventuell den Grundstein für einen erhöhten Alkoholkonsum im Erwachsenenalter. Wer vor dem Einsetzen der Pubertät zum ersten Mal zu alkoholischen Getränken greift, trägt im Vergleich dazu sogar ein etwas geringeres Risiko für spätere Alkoholprobleme.

Die Mannheimer Wissenschaftler betonen zwar, dass zur umfassenden Bearbeitung des Themas noch weitere Forschung nötig ist, aus den vorliegenden Erkenntnissen ziehen sie jedoch den Schluss, dass Alkoholpräventionsprogramme viel gezielter als bisher auf pubertierende junge Menschen zugeschnitten werden müssen. Die gängige Lehre sei bisher gewesen, dass die Folgen des Alkoholkonsums in Kindheit oder Jugend umso schlimmer sind, je früher er beginnt. Die aktuelle Studie liefere demgegenüber erste Hinweise auf die zentrale Bedeutung von Entwicklungsphasen.

Polarisierung zwischen “jugendlichen Komasäufern” und Abstinenten

Die statistischen Daten zum Alkoholmissbrauch von Jugendlichen geben auch vor diesem Hintergrund Anlass zur Besorgnis. Erst vor kurzem meldete das Statistische Bundesamt, dass im Jahr 2011 insgesamt 26.349 Kinder und Jugendliche im Alter zwischen zehn und 19 Jahren wegen Volltrunkenheit stationär behandelt wurden. Die Zahl der Fälle pro 100.000 Einwohner nimmt seit dem Beginn der 2000er Jahre kontinuierlich zu. Der “typische jugendliche Koma-Säufer” ist dabei zumindest bisher männlich. Einige gegenläufige Zahlen finden sich im aktuellen Drogen- und Suchtbericht des Bundes: Demnach griffen im Jahr 2012 nur noch 14,2 Prozent der Jugendlichen zwischen zwölf und 17 Jahren regelmäßig zu alkoholischen Getränken, 2001 tranken noch 17,9 Prozent der jungen Leute regelmäßig Alkohol. Bei jungen Erwachsenen bis zur Altersgrenze von 25 Jahren liegt dieser Wert mit 40 Prozent dagegen unverändert hoch.

Aus Sicht der Gesundheitsakademie Schmidbauer sind die Mannheimer Forschungsergebnisse zwar spannend und im Rahmen der medizinisch-psychologischen Erforschung von Suchtrisiken möglicherweise sogar richtungweisend, für eine optimierte Präventionsarbeit bei Jugendlichen sind sie jedoch nur bedingt bedeutsam. Auch die bestehenden Präventionsprogramme wenden sich in zielgruppenspezifisch aufbereiteter Form vorrangig an Teenager in der Pubertät. Für die Prävention von Alkoholproblemen zeichnen sich unserer Meinung nach heute zwei “große Themen” ab: Einerseits legen die statistischen Daten nahe, dass es bei Jugendlichen derzeit eine starke Polarisierung zwischen exzessiven Trinkern und weitgehend abstinenten jungen Menschen gibt, deren Hintergründe auch zum Gegenstand der wissenschaftlichen Forschung werden sollten. Andererseits muss es darum gehen, ein Leben ohne Alkohol als gesellschaftlich akzeptierten Standard zu etablieren – bei einem solchen “kulturellen Wechsel” stehen wir nicht nur bei Jugendlichen, sondern insgesamt noch ganz am Anfang.

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Datum: Freitag, 24. Mai 2013 11:42
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