“Kontrolliertes Trinken” – niedrigere Hemmschwellen für Anti-Alkohol-Therapien

Kontrolliertes Trinken” – als therapeutisches Konzept für Alkoholprobleme ursprünglich vor allem in den USA entwickelt – wird inzwischen auch in Deutschland als Alternative zu lebenslanger totaler Abstinenz immer bekannter. Der Nürnberger Alkohol-Experte Dr. Joachim Körkel gilt hierzulande als Pionier dieses therapeutischen Verfahrens und bietet seit mehr als 13 Jahren an der Evangelischen Fachhochschule Nürnberg Kurse zum “kontrollierten Trinken” an. Dr. Körkel und sein Team können damit inzwischen nachhaltige Erfolge präsentieren: Etwa 75 Prozent der Teilnehmer reduzieren danach ihren Alkoholkonsum dauerhaft auf einen wenig riskanten Umfang, zehn bis 30 Prozent der Absolventen seiner Praxis-Trainings leben in der Folge abstinent – mit Rückfall-Quoten, die mit den Zahlen von konventionell therapierten Alkohol-Patienten identisch sind. Unter Experten ist das Konzept zwar nach wie vor umstritten, wurde jedoch inzwischen von verschiedenen Therapeuten übernommen. In Großbritannien oder den Niederlanden gehört das “kontrollierte Trinken” bereits zu den therapeutischen Standardangeboten.

Das Portal “Main-Netz.de” veröffentlichte jetzt Erfahrungen mit kontrolliertem Trinken aus Therapeutensicht. Kandidaten für ein entsprechendes Therapieprogramm sind aus deren Sicht beispielsweise Menschen, die sich nicht vorstellen können, auf alkoholische Getränke völlig zu verzichten und das Risiko- und Suchtpotential ihres Alkoholkonsums vielleicht erst im Verlauf der Therapie erkennen. Andere Betroffene wissen genau, dass sie ihr Trinkverhalten dringend und umgehend ändern müssten, schaffen es aber zumindest zu einem bestimmten Zeitpunkt nicht.

Therapeutische Alternative mit Respekt für den Patienten

Der Sozialpädagoge Christoph Straub vom Heidelberger Erwachsenenbildungs-Institut “GK Quest” zitierte in diesem Zusammengang beispielsweise eine schwangere Frau, die sich zu totaler Abstinenz nicht in der Lage sah oder einen Obdachlosen, der es schaffen wollte, seinen Alkoholkonsum von täglich 20 auf zehn Flaschen Bier zu reduzieren. Straub, der an seinem Institut Pädagogen und Therapeuten nach dem Programm von Dr. Joachim Körkel schult, meint angesichts solcher Schicksale, dass es wichtig ist, jeden ernst zu nehmen, der sich mit seinen Trinkverhalten auseinandersetzt. Der erste Schritt – sich einzugestehen, dass es um manifeste Alkoholprobleme geht – sei meist der wichtigste für den Ausstieg aus der Sucht. Als Therapeut müsse er auch respektieren, wenn jemand sein persönliches Ziel dabei nicht mit Abstinenz verbindet.

Straub berührt mit dieser Haltung ein brisantes Thema: In Deutschland leben rund 1,3 Millionen Menschen mit einer voll ausgeprägten Alkoholsucht, mindestens 73.000 von ihnen sterben pro Jahr an den direkten Folgen ihrer Alkoholkrankheit. Einer professionellen Therapie unterziehen sich jedoch nur rund zehn Prozent der Betroffenen – meist viel zu spät und nach einer Suchtkarriere von zehn bis 15 Jahren. Aus Straubs Sicht könnte “kontrolliertes Trinken” für viele alkoholkranke Patienten eine akzeptable Alternative sein und die Hemmschwelle vor einer Therapie verringern. Aus seiner Tätigkeit als Suchtberater hat er zwei grundsätzliche Erfahrungen mitgenommen: Mit einer Therapie mit dem Ziel kompletter Abstinenz, kann vielen Alkoholikern nicht geholfen werden – Ärzte und Therapeuten sind nach den konventionellen Richtlinien gezwungen, nicht Abstinenz-willige Patienten wegzuschicken. Als Folge entscheiden sich viele alkoholkranke Menschen für therapeutische Hilfe erst dann, wenn sie “ganz unten” angekommen sind.

Individuelle Wege und Abstinenz-Entscheidungen ohne äußeren Druck

Auch Christoph Straub betonte, dass sich “kontrolliertes Trinken” nicht für jeden eignet. Er plädiert für eine individuelle Suchtarbeit, in der es nicht um Alkoholismus oder Abstinenz, sondern um verschiedene, auf den jeweiligen Patienten zugeschnittene Wege geht. Dass bis zu einem Drittel der “kontrollierten Trinker” sich zu irgendeinem Zeitpunkt doch für Abstinenz entscheidet, wertete der Experte auch deshalb positiv, weil sie diese dann aus eigenem Antrieb und nicht durch äußeren Druck – beispielsweise existenziellen Ängsten vor dem Verlust der Arbeit oder der Familie – wählen.

Auch die Gesundheitsakademie Schmidbauer setzt in ihren Intensivtrainings bei Alkoholproblemen auf persönliche Entscheidungen und ihren individuellen Weg. Zusammen mit unseren erfahrenen und sensiblen Therapeuten schaffen Sie die Grundlagen für ein erfülltes Leben ohne Sucht – ob Ihr persönliches Konzept dafür in Abstinenz bestehen sollte, erarbeiten Sie in unserem gemeinsamen therapeutischen Prozess.

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Datum: Freitag, 11. Januar 2013 11:55
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