Kontrolliertes Trinken – Alternative zur Total-Abstinenz?

Als Königsweg aus übermäßigem Alkoholkonsum oder einer bereits manifesten Alkoholabhängigkeit galt bis vor kurzem das Erreichen totaler und lebenslanger Abstinenz. In den letzten Jahren ist zunehmend auch “Kontrolliertes Trinken” als alternative Therapieform in der Diskussion: Alkoholabhängige und -gefährdete lernen dabei, ihren Alkoholkonsum auf ein Minimum zu reduzieren. Als optimales Therapieziel ist eine Trinkmenge definiert, die innerhalb eines unschädlichen/risikoarmen Rahmens liegt, pro Tag also die Grenze von zwölf Gramm (Frauen) und 24 Gramm (Männer) reinem Alkohol nicht überschreitet. Zusätzlich werden pro Woche mindestens zwei abstinente Tage angestrebt. Bei sehr starkem Alkoholkonsum wird dieses Ziel in Zwischenschritten angegangen.

Kritiker – darunter auch die Krankenkassen – stehen dem Konzept bisher skeptisch gegenüber, die Kosten für Therapien für “Kontrolliertes Trinken” werden von den Kassen in der Regel nicht erstattet. Patienten, die sich für diesen Weg entscheiden, sehen sich oft mit dem Vorwurf konfrontiert, keine ausreichende Motivation für ein völlig abstinentes Leben mitzubringen.

Die Nürnberger Erfahrung – erfolgreiche Therapie von zwei Dritteln der Patienten

Professor Dr. Joachim Körkel von der Evangelischen Fachhochschule Nürnberg sieht dagegen die Abwehrhaltung der Kassen und vieler Mediziner kritisch. Der Psychologe bietet an der Fachhochschule seit 13 Jahren Kurse zum Erlernen des “Kontrollierten Trinkens” an und mahnt im “institutionellen” Umgang mit der Sucht zu Realismus. Viele Alkoholkranke können oder wollen zumindest in der Anfangsphase der Therapie kein völlig abstinentes Leben führen, das übrigens durchaus zu den Langzeitzielen des “Kontrollierten Trinkens” zählt. Wichtiger als abrupte Abstinenz ist aus der Sicht des Sucht-Experten hier das Training eines verantwortungsbewussten Umgangs mit der Sucht. 60 Prozent der Kursteilnehmer gelingt es dauerhaft, ihr Trinkverhalten auf niedrigem Niveau zu kontrollieren, weitere acht Prozent leben nach dem Ende der Therapie völlig abstinent.

“Kontrolliertes Trinken” ersetzt nicht die Aufarbeitung der Suchtursachen

Angesichts einer 50-prozentigen Rückfallquote bei klassischen Alkoholentwöhnungs-Therapien sprechen diese Zahlen deutlich für das “Kontrollierte Trinken”. Die in Großbritannien und den USA bereits seit über 30 Jahren angewendete Methode eignet sich vor allem für jüngere Menschen, die noch nicht schwer alkoholkrank sind, keine gravierenden sozialen oder psychischen Probleme haben sowie in der Lage sind, die vereinbarten Trinkregeln konsequent und dauerhaft zu praktizieren. Wichtig: “Kontrolliertes Trinken” ist ein “Praxis-Training” – die therapeutische Aufarbeitung lebensgeschichtlicher und/oder psychischer Suchtursachen kann es nicht ersetzen.

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Datum: Mittwoch, 28. März 2012 10:36
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