“Koma-Saufen” von Senioren – jetzt auch in “Menschen bei Maischberger” ein Thema

In der letzten Ausgabe ihrer Talkshow machte Sandra Maischberger den Alkoholmissbrauch von Senioren zum Thema. Die Sendung stand unter dem Motto “Alkohol im Alter – die verheimlichte Sucht”. Den Aufhänger dafür hatte die “Bild-Zeitung” schon Mitte Februar mit einem Bericht geliefert, demzufolge auch immer mehr ältere Menschen wegen exzessiven Trinkens in der Notaufnahme von Krankenhäusern landen. Das Zahlenmaterial dafür lieferte die Techniker Krankenkasse, die in der Altersgruppe zwischen 51 und 60 Jahren für 2012 im Vergleich zum Vorjahr einen Anstieg der akut behandlungsbedürftigen “Koma-Säufer” um knapp 17 Prozent verzeichnen musste. Bei Senioren zwischen 61 und 70 Jahren war deren Anteil um 8,5 Prozent gestiegen.

Die Deutsche Hauptstelle für Suchtfragen (DHS) meldete für 2011, dass in der Altersgruppe zwischen 60 und 64 Jahren weniger als drei Prozent der Männer und weniger als ein Prozent der Frauen alkoholkrank sind – 15,4 Prozent von ihnen konsumiere Alkohol allerdings in riskantem Ausmaß. Experten vermuten allerdings eine hohe Dunkelziffer. Für Senioren über 64 Jahre liegen der DHS bisher keine Daten vor.

Alkoholsucht im Alter – Scham, Demütigung und persönliches Versagen

In “Menschen bei Maischberger” beschrieb die 73-jährige Doris Weiland aus eigener Erfahrung ein typisches Alkoholsucht-Risiko älterer Menschen. Zu trinken begonnen hatte sie, um die Belastungen durch die Pflege ihres schwer kranken Ehemannes zu kompensieren, am Ende nahm sie täglich eine Flasche Sekt und eine Flasche Rotwein zu sich. Neben der durch die Sucht erzeugten Scham berichtete sie von der “demütigenden” und “harten” Erfahrung der Entzugsbehandlung, für die sie sich mit 70 Jahren schließlich entschieden hatte.

In Weilands Bericht deutete sich die besondere Dramatik einer Alkoholsucht im vorgerückten Lebensalter an. Für die betroffenen Senioren gilt aufgrund der Werte ihrer Generationen Alkoholismus nicht als Krankheit, sondern als persönliches Versagen. Dementsprechend schwer fällt es ihnen, über ihre Sucht zu sprechen und Hilfe einzufordern.

Alkoholkranke Senioren holen sich selten professionelle Hilfe

Auch Talk-Gast Professor Michael Musalek, der Chef des Wiener Anton-Proksch-Instituts und damit der größten Suchtklinik in Europa, wies darauf hin, dass sich alkoholkranke Senioren seltener und deutlich später als alle anderen betroffenen Gruppen professionelle Hilfe suchen. Neben persönlichen Schamgefühlen trage hierzu auch die gesellschaftliche Tabuisierung des Themas bei – andere hielten es meist nicht für möglich, das ältere Menschen in suchtrelevantem Ausmaß trinken.

Aus Sicht der Gesundheitsakademie Schmidbauer erwies sich Sandra Maischbergers Talkrunde allerdings – einmal abgesehen von Doris Weiland und Professor Musalek – als wenig produktiv besetzt. Drei weitere Teilnehmer hatten eine frühere Alkoholsucht zwar ebenfalls erfolgreich überwunden, begannen ihre Suchtkarrieren jedoch weit vor dem Eintritt ins Seniorenalter. Schauspieler Jaecky Schwarz und Entertainer Werner Böhm sahen ihre Zeit als “aktive Alkoholiker” zudem eher unter anekdotischem Aspekt. Auch Sandra Maischberger persönlich hat in der Sendung eine wesentliche Chance verschenkt, über die Brisanz des Themas tatsächlich aufzuklären – ihr wiederholter plakativer Verweis auf die bejahrten “Koma-Säufer” im Bericht der “Bild” ist dafür jedenfalls weder ausreichend noch angebracht.

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Datum: Freitag, 15. März 2013 10:49
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