Kinder aus Alkoholiker-Familien – in der Suchthilfe bisher kaum ein Thema

In ihrem aktuellen Suchtreport schätzte die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA), dass in Deutschland derzeit rund zehn Millionen Menschen Alkoholprobleme haben, etwa 1,3 Millionen von ihnen litten unter einer manifesten Alkoholsucht. Vernachlässig wird von der Statistik allerdings, dass viele dieser Menschen Kinder haben – die Alkoholabhängigkeit eines oder beider Elternteile prägt deren Leben von Anfang an in hohem Maß.

Kinder von Alkoholikern sind deutlich stärker gefährdet, später selbst eine Alkohol- oder Drogenabhängigkeit zu entwickeln. Ein Drittel von ihnen kämpft im späteren Leben mit einer dieser Süchte, ein weiteres Drittel entwickelt psychische Probleme wie Angst- und Zwangsstörungen oder Depressionen. Nur rund ein Drittel von ihnen bewältigt die frühen Erfahrungen mit der Sucht der Eltern ohne Langzeitfolgen.

Traumata, physische und psychische Gewalt, frühes Erwachsenwerden

Psychologen wissen auf Basis ihrer Forschung, dass Kinder aus Alkoholiker-Familien schon im Vorschulalter die familiäre Situation als unsicher und bedrohlich erleben. Viele dieser Erfahrungen werden unbewusst gespeichert und treten in der psychologischen Praxis beispielsweise in einer Maltherapie oder im therapeutischen Spiel zutage. Manche Erlebnisse wirken auf die Kinder explizit traumatisch – etwa familiäre Gewalt unter Alkoholeinfluss oder der Jobverlust von Vater oder Mutter mit seinen sozialen Folgen. Auch mit Gereiztheit oder plötzlicher Aggressivität der Eltern unter Alkoholeinfluss kommen sie meist nur sehr schwer zurecht.

Gleichzeitig sind Kinder von Alkoholikern oft früh zur Selbstständigkeit gezwungen. Es gibt Mädchen, die im Alter von zehn oder zwölf Jahren den gesamten Haushalt führen und für jüngere Geschwister die Mutterrolle übernehmen. Gleichzeitig müssen sie unter Umständen für den/die betrunkenen Erwachsenen sorgen und die problematische Familiensituation oft nach außen “decken”. In jeder dritten Familie mit mindestens einem alkoholabhängigen Elternteil gehört physische Gewalt zum Alltag.

Prävention muss psychische Widerstandskraft der Kinder stärken

Experten kritisieren, dass die Jugendämter und andere professionelle Hilfssysteme auf die Probleme dieser Kinder viel zu spät oder gar nicht reagieren. Bei den Ämtern sind meist nur explizite Problemfamilien aktenkundig. “Offizielle” Reaktionen erfolgen oft erst in Fällen offensichtlicher physischer Misshandlungen der Kinder. Unterschätzt wird jedoch meist die psychische Gewalt, die ebenso nachhaltige Folgen haben kann wie Schläge. Hinzu kommt, dass Familien mit Alkoholproblemen diese nach außen meist lange und mit Erfolg verbergen können. In Kindergärten und Schulen gibt es weder Frühwarn- und Präventionssysteme noch eine nennenswerte Anzahl von entsprechend ausgebildeter Mitarbeiter. Wodurch ein Drittel der betroffenen Kinder die Alkoholsucht der Eltern ohne größere eigene Probleme übersteht, wissen Ärzte und Psychologen inzwischen recht genau: Entwicklung von Beziehungsfähigkeit außerhalb des familiären Kontexts, positive Bezugspersonen, Kreativität. Prävention muss unter anderem diese Möglichkeiten und damit die psychische Widerstandsfähigkeit der Kinder stärken.

Auch im Suchthilfe-System spielen die Probleme von Kindern aus betroffenen Familien bisher eine sehr geringe Rolle. Pro Jahr werden rund zehn Prozent der Alkoholiker von professionellen Hilfsangeboten erreicht. In die Therapien werden die Kinder nur in zehn Prozent dieser Fälle einbezogen. Im Klartext heißt das: Nur jedes 100. Kind aus Alkoholiker-Familien erhält von Beratungsstellen und/oder Suchtkliniken in diesem Kontext professionelle Hilfe.

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Datum: Mittwoch, 8. August 2012 11:47
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