Jugendliche Koma-Trinker – “Strafpauschalen” oder Sozialarbeit?

Jugendliche Koma-Trinker sind aktuell wieder einmal ein “heißes” Thema. Das Statistische Bundesamt sowie einige Bundesländer hatten in den letzten Tagen neue Zahlen publiziert, aus denen hervorging, dass der Anteil alkoholbedingter Krankenhausbehandlungen in den letzten Jahren deutlich zugenommen hat. Rund die Hälfte der Betroffenen landete wegen einer akuten Alkoholvergiftung in der Notaufnahme.

Alarmierend ist dabei, dass die wegen ihrer Trunkenheit behandlungsbedürftigen Personen immer jünger werden. Allein im Jahr 2011 kamen 26.349 Jugendliche im Alter zwischen zehn und 19 Jahren wegen eines Vollrauschs in die Klinik. Eine Studie aus dem vergangenen Jahr wies nach, dass sich mehr als 50 Prozent aller jungen Männer in der Altersgruppe zwischen 18 und 25 Jahren mindestens einmal im Monat bis zum Umfallen betrinken. Der CDU-Gesundheitspolitiker Jens Spahn schlug deshalb in dieser Woche vor, dass sich Eltern jugendlicher Koma-Trinker an den Behandlungskosten ihrer Kinder mit 50 oder 100 Euro beteiligen müssen.

CDU-”Strafpauschale” soll Eltern an ihre Erziehungsverantwortung erinnern

Spahn argumentierte, dass die Notfallbehandlung für betrunkene Kinder oder Jugendliche bei den Krankenkassen pro Fall mit zwei- oder dreitausend Euro zu Buche schlage – eine Eigenbeteiligung der Eltern sei daher angemessen, zumal zuvor das “Geld für den Wodka” ja auch vorhanden war. Außerdem müsse man die Eltern in solchen Fällen auch an ihre Erziehungsverantwortung erinnern. Diverse CDU-Parteifreunde reagierten auf den Vorschlag bereits mit Beifall.

Skepsis und Kritik von Ärzten, Politikern und Verbänden

Von Ärzten und auch aus anderen Parteien erntete die Idee dagegen Kritik und Skepsis. Die Schleswig-Holsteinische Gesundheitsministerin Kerstin Alheit (SPD) befand, dass Maßnahmen gegen jugendlichen Alkoholmissbrauch zwar nötig seien, die von der CDU geforderten “Strafpauschalen” jedoch vor allem zu Hemmschwellen gegenüber einer medizinisch notwendigen Behandlung führen würde. Aus Sicht von Medizinern ebenso wie des Deutschen Kinderschutzbundes trinken sich die Jugendlichen zudem nur selten vorsätzlich ins Koma, auch die Eltern könnten nicht pauschal verurteilt werden. Kindeschutzbund-Präsident Hilgers riet Eltern in einem Presse-Statement jetzt dazu, ihre Kinder an Schulen mit Präventiv-Programmen gegen Alkohol, Gewalt und Drogen zu schicken. Der Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte präsentierte jetzt einen Gegenvorschlag zur CDU-”Strafpauschale”: Jugendliche Koma-Trinker sollten stattdessen zu karitativer Arbeit an mindestens drei Wochenenden verpflichtet werden.

Aus Sicht der Gesundheitsakademie Schmidbauer greift der Vorschlag Spahns auch unter einem anderen Aspekt zu kurz: Der CDU-Politiker stützt sich dabei – durchaus etwas populistisch – ausschließlich auf das publikumswirksame Thema der jugendlichen “Koma-Säufer”. Deren Eltern sollen also zahlen. Was aber ist mit allen anderen – älteren – Personen, die sich in die Notaufnahmen trinken? Eine präventive Wirkung dürfte sich aus der “Strafpauschale” in der Praxis kaum ergeben. Spahn setzt damit auf eine simple “Law & Order”-Taktik, mit der dem sehr komplexen Problem “Alkoholmissbrauch” nicht beizukommen ist. Positiv daran ist allenfalls die kontroverse öffentliche Diskussion, die vielleicht zu konstruktiveren – und praktikablen – Lösungswegen führt.

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Datum: Freitag, 15. Februar 2013 10:49
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