Jede Sucht entsteht im Kopf

Mit den Entstehungsmechanismen von Süchten beschäftigen sich Ärzte, Neurobiologen und andere Wissenschaftler seit Jahrzehnten. Wir wissen heute, dass ihre Entwicklung ein komplexer Vorgang ist, der maßgeblich durch den sogenannten “nucleus accumbens” – das Belohnungszentrum des Gehirns – sowie Störungen des Dopamin-Haushalts des Körpers gesteuert wird. Der Mechanismus funktioniert bei allen Abhängigkeitssyndromen, also nicht nur Alkoholismus, sondern auch Drogenmissbrauch sowie Internet- und Spielsucht. Ebenso komplex ist später der Ausstieg aus der Sucht.

Belohnungszentrum und Dopamin schaffen neurobiologische Lerngrundlagen

Das Belohnungssystem des Hirns vernetzt drei grundsätzliche Hirnfunktionen – Sinneswahrnehmung, Gedächtnis, Emotionen – und ist damit die Basis alles Lernens. Es sorgt dafür, dass das Gehirn die Flut von Sinneseindrücken, die uns in jeder Minute überfluten, sinnvoll filtern kann und in positiv besetzte Handlungsimpulse überträgt. Kurz gesagt: Was Spaß macht, wird vom Gehirn gespeichert und liefert in einer prinzipiell “belohnungsarmen Welt” Orientierung. Der Neurotransmitter Dopamin wirkt in die gleiche Richtung – durch Dopamin lernt das Gehirn, auf sogenannte “hinweisgebende Reize” zu reagieren und das Reiz-Reaktions-Schema in komplexe Handlungsabläufe zu übersetzen.

Abhängigkeitssyndrome – neurobiologisches Lernen fixiert sich auf den Suchtreiz

Die natürlichen Funktionen des Belohnungszentrums werden im Prozess der Suchtentstehung ins Krankhafte verändert. Der “nucleus accumbens” reagiert in diesem Fall spezifisch und im Lauf der Zeit sehr heftig auf einen bestimmten Suchtstoff. Benachbarte Hirnareale, die auch bei Gesunden für die Speicherung von “Verhaltensschablonen” zuständig sind, nehmen diese Signale auf und entwickeln auf dieser Basis automatisierte Handlungsmuster für die Sucht. Parallel dazu sorgt das Dopamin für eine suchtkonforme Filterung von Reizen und damit “suchtkonformes Handeln”. Ein Beispiel aus der Fernsehwerbung: Bei gesunden Menschen wirkt der Anblick eines “leckeren Bieres” im TV-Spot appetitanregend, bei Süchtigen erzeugt er dagegen oft einen unwiderstehlichen Zwang zum Alkoholkonsum.

Laut Thorsten Kienast vom Zentrum für Suchtmittelforschung der Berliner Charité werden bei einer Suchterkrankung im Extremfall andere Gehirnregionen, welche differenziertes Denken, Planungsprozesse und damit bewusstes Entscheiden steuern, völlig ausgeschaltet. Die neurobiologischen Lernfaktoren fixieren sich – unabhängig vom “freien Willen” oder dem Wissen des Abhängigen um seine Krankheit – völlig auf den Suchtstoff. Der Forscher bezeichnete dieses Phänomen auch als “Magnetverhalten”, das bewirkt, dass Süchtige meist nicht aus eigenem Willen den Weg aus ihren persönlichen Abhängigkeitsmustern finden.

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Datum: Mittwoch, 16. Mai 2012 11:55
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