Ist Alkoholsucht demnächst “reparierbar”?

Das Mannheimer Institut für Psychopharmakologie veröffentlichte Ende letzter Woche neue Forschungsergebnisse, die sich mit den molekularen Grundlagen der schädlichen Wirkung von Alkohol befassen. Das langfristige Ziel der Wissenschaftler ist, auf Basis ihrer Forschungsarbeiten neue Medikamente zur Prävention und Behandlung von Alkoholismus zeigen.

Alkoholforscher wissen seit langem, dass anhaltender und starker Alkoholkonsum zu erheblichen und nicht mehr umkehrbaren Strukturveränderungen der präfrontalen Großhirnrinde (präfrontaler Cortex) führt. Verletzungen dieser Gehirnregion können beispielsweise deutliche Veränderungen von Fähigkeiten und Persönlichkeit der davon Betroffenen zur Folge haben. Dazu gehören beispielsweise Beeinträchtigungen des Kurzzeitgedächtnisses sowie der Langzeitplanung, unflexibleres Verhalten oder emotionale Veränderungen. Viele dieser Effekte wurden auch bei dauerhaftem Alkoholmissbrauch nachgewiesen.

Funktionsausfall von Glutamat-Rezeptoren durch Alkoholmissbrauch fördert die Sucht

In der Mannheimer Untersuchung ging es jetzt weniger um die klinisch nachweisbaren Folgen der Schädigung des präfrontalen Cortex durch Alkoholmissbrauch, sondern um das Verständnis ihres neurobiologischen Hintergrundes. In einer tierexperimentellen Studie wurde nachgewiesen, dass Alkohol vor allem einen kleinen Teilbereich der präfrontalen Großhirnrinde schädigt. Die alkoholbedingte Beeinträchtigung des sogenannten infralimbischen Areals intensiviert das Suchtverhalten. Bei Ratten ist es laut der Studie möglich, den Funktionsverlust dieses Gehirnbereichs zu “reparieren”, worauf sich auch das vorher extrem große Alkoholverlangen der Tiere wieder normalisierte.

Die Studie zeigte, dass bestimmte Neuronen-Gruppen im präfrontalen Cortex sehr sensibel auf Alkohol reagieren, wenn dieser wiederholt in hohen Dosen konsumiert wird. Die den Ratten im Experiment verabreichte Alkoholmenge entsprach einer Dosis, die bei Menschen über mehrere Stunden einen Blutalkoholspiegel von über 2,5 Promille zur Folge haben würde. Die fraglichen Neuronen entwickeln durch den Alkohol langfristige Folgeschäden, zu denen auch gehört, dass sie die Freisetzung des Neurotransmitters Glutamat nicht mehr angemessen steuern können. Ursache dafür sind mangelnde Autorezeptoren-Funktionen, die normalerweise durch Glutamat-Rezeptoren des Typs mGluR2 gegeben sind. Der Funktionsverlust dieser Rezeptoren scheint zumindest bei Ratten direkt mit dem Suchtverhalten verbunden. Wenn das mGluR2-Niveau im infralimbischen Cortex bereits alkoholsüchtiger Tiere wieder normalisiert wurde, verschwand auch deren Suchtverhalten. Bei autopsierten menschlichen Alkoholikern fanden die Forscher in derselben Gehirnregion ebenfalls reduzierte Werte des Glutamat-Rezeptors.

Therapeutisches Ziel: Löschung erworbener neuronaler Abschaltmechanismen

Die Forschungsergebnisse aus Mannheim legen nahe, dass die Abnahme der mGluR2-Rezeptoren bei alkoholabhängigen Personen auch deren Rückfallgefährdung bei Abstinenz erhöht. Gleichzeitig ergeben sich aus dem im Tierversuch nachgewiesenen Mechanismen perspektivisch neue therapeutische Möglichkeiten. Die Wissenschaftler gehen davon aus, dass dabei “epigenetische Abschaltungsmechanismen” eine Rolle spielen – dahinter verbergen sich erworbene neurobiologische Eigenschaften einer Zelle, die bei der Zellteilung zwar auf Tochterzellen “vererbt”, jedoch in deren DANN nicht genetisch festgeschrieben werden. Es geht nun unter anderem darum, pharmazeutische Stoffe zu entwickeln, die in der Lage sind, einen solchen suchtfördernden “epigenetischen Abdruck” wieder aufzuheben.

Aus Sicht der Gesundheitsakademie Schmidbauer sind viele neurobiologische und pharmazeutische Forschungsarbeiten zukunftsweisend – die Überführung der Ergebnisse in die suchtmedizinische Praxis steht allerdings in den allermeisten Fällen aus. Eine wirkungsvolle Prävention der Alkoholsucht respektive eine frühzeitige Intervention bei den ersten Suchtsymptomen sind daher immer wichtiger als die Hoffnung auf eine nachträgliche therapeutische Lösung. Wir raten, bereits bei den allerersten Anzeichen von Alkoholproblemen die “Notbremse” zu ziehen – in unseren Intensivtrainings zur Alkohol-Prävention finden Sie dafür professionelle Unterstützung und einen auf Ihre Bedürfnisse abgestimmten individuellen Rahmen.

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Datum: Dienstag, 4. Juni 2013 10:04
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