Gibt es künftig ein Gegengift zu Alkohol?

Bei der Behandlung einer klinisch manifesten Alkoholsucht stehen bisher Entzugsbehandlung und Entgiftung sowie eine begleitende Psychotherapie im Vordergrund. Medikamentöse Therapien mit sogenannten Anti-Craving-Mitteln kommen zumindest in Deutschland bisher nur bei einer Minderheit von alkoholkranken Patienten zum Einsatz. Gleichzeitig widmen sich Neurobiologen und andere Wissenschaftler in den letzten Jahren verstärkt der Untersuchung der Wirkung von Enzymen, Hormonen sowie neuronalen und genetischen Faktoren bei der Suchtentstehung. Ihr Ziel besteht darin, auf dieser Basis die Therapie der Alkoholsucht durch neuartige Medikamente zu “revolutionieren”.

Aus London kam hierzu jetzt eine aktuelle Meldung: Einem Team aus US-amerikanischen und chinesischen Wissenschaftlern ist es gelungen, Enzyme in winzige Partikel einzuschließen und damit im Tierversuch den Abbau von Alkohol zu fördern. Die Nano-Teilchen entfalteten im Blut von Mäusen eine präventive Wirkung, wenn sie zusammen mit dem Alkohol verabreicht wurden. Bei einer Gabe nach dem Alkoholkonsum waren sie auch “therapeutisch” wirksam.

“Pille gegen Alkohol” – Erfolge bisher nur bei Mäusen

Einige Medien erwarteten in ihren Schlagzeilen vor diesem Hintergrund bereits die “Pille gegen Alkohol” – in absehbarer Zeit ist damit allerdings nicht zu rechnen. Das Experiment funktionierte bisher lediglich bei Mäusen. Ob das Anti-Alkohol-Medikament irgendwann auch beim Menschen zum Einsatz kommen kann oder welche Risiken und Nebenwirkungen damit verbunden sind, ist bisher nicht bekannt.

Die Nano-Partikel für die Prozedur bestanden aus zwei Enzymen, die miteinander gekoppelt und mit einer Kunststoffhülle überzogen wurden. Die Wissenschaftler orientierten sich dabei am Prinzip des Organismus, dass Enzyme fast nie allein, sondern in komplexeren Strukturen wirksam sind – typisch für ihre Wirkungsweise sind Gruppen oder sogar ganze Biokatalysator-Ketten. Die verschiedenen Enzyme reichen sich dabei ihre “Produkte” gegenseitig weiter oder übernehmen die Entgiftungsarbeit.

Neue Therapie-Ansätze durch Nano-Technologie

Im Fall des Anti-Alkohol-Versuchs übernahm das Enzym Alkoholoxidase die Hauptarbeit – es “zerlegt” Alkohol durch Oxidation sowie die Umwandlung von Sauerstoff in Wasserstoffperoxid. Letzteres bremst allerdings gleichzeitig die Wirkung des Enzyms und kann eine gewebeschädigende Wirksamkeit entfalten. Ein zweites Enzym namens Katalase verwandelt den potentiellen Schadstoff jedoch in Wasser und Sauerstoff, der für den Abbau von Blutalkohol wiederum unterstützend wirkt. Eine Polymer-Hülle garantiert, dass die beiden Enzyme – entscheidend für ihre anvisierte Wirkung – räumlich eng zusammen bleiben und schützt sie gleichzeitig vor der Zersetzung durch andere Botenstoffe.

Die Versuchstiere erhielten zunächst eine Dosis Alkohol, die dem Konsum von rund zehn Litern Bier bei einem durchschnittlich schweren Mann entsprach. Durch die Injektion der Nano-Teilchen vor oder nach dem Alkoholkonsum wachten die Mäuse deutlich früher aus ihrem Rausch auf als eine Vergleichsgruppe ohne diese Medikation, ihr Blutalkoholspiegel normalisierte sich ebenfalls deutlich schneller. Für klinische Studien am Menschen müssen die Forscher allerdings ein drittes Enzym in die Präparate integrieren, das für die Neutralisierung eines weiteren giftiges Nebenprodukts beim Alkoholabbau sorgen würde: Acetaldehyd erzeugt einerseits die körperlichen Symptome eines Katers, in größeren Mengen wirkt es auf Leber und Nieren schädlich. Auch für den Abbau der Nano-Teilchen müssen die Wissenschaftler eine Lösung finden, die aktuelle Version wird weder verdaut noch auf andere Weise vom Körper ausgeschieden.

Fakt ist, dass die Mäuse nicht unter schweren Nebenwirkungen des Nano-Teilchen-Präparates litten. Die Autoren der Studie sind auch deshalb überzeugt, dass sich ihr Konzept irgendwann auch für den klinischen Einsatz eignet. Anders als bisherige medikamentöse Anti-Alkohol-Therapien blockieren die Enzyme nicht nur die Wirkung des Alkohols auf das Gehirn, sondern schützen durch die aktive Senkung des Alkoholspiegels im Blut auch die inneren Organe vor alkoholbedingten Schäden. Einsatzfelder sehen sie allerdings nicht nur im Rahmen von expliziten Therapien, sondern auch in einer Verwendung als “Lifestyle-Droge”, welche dabei hilft, die negativen Seiten des Alkoholkonsums zu minimieren.

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Datum: Mittwoch, 20. Februar 2013 11:42
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