Frankreich – Alkohol-Selbsttest für Autofahrer wird zur Pflicht

In Frankreich gilt seit 1. Juli für alle Auto- und Motorradfahrer eine neue Regel. Zur Fahrzeugausstattung gehört nun ein Einmal-Test, den es in Supermärkten, Tankstellen und Apotheken zu kaufen gibt. Anerkannt werden nur “Röhrchen” mit der Aufschrift “NF” – für “Französische Norm”, die Standardausführung kostet zwischen etwa 1,50 Euro und fünf Euro. Im Herbst sollen die Alkoholtester auch in Deutschland in den Handel kommen. Wer ab November 2012 bei Kontrollen das Gerät nicht bei sich hat, muss ein Bußgeld von 11 Euro zahlen.

Das französische Verkehrsministerium setzt jetzt auf Erziehung respektive praktische Sensibilisierung und die eigenen Reaktionen der Autofahrer. Jean-Luc Nevache, der frühere französische Regierungsbeauftragtes für Sicherheit im Straßenverkehr, erklärte, dass die Regel darauf ziele, dass es zur Normalität wird, sich nach Disko, Party oder Restaurantbesuch zu testen – mit der gleichen Selbstverständlichkeit, mit der man gegebenenfalls Kondome benutze.

30 Prozent der tödlichen Verkehrsunfälle in Frankreich sind alkoholbedingt

Der Hintergrund der neuen Vorschrift ist brisant: Auf französischen Straßen ist Alkohol an 31 Prozent aller tödlichen Verkehrsunfälle beteiligt. In Deutschland liegt dieser Wert mit etwa zehn Prozent übrigens deutlich tiefer. Zustimmung kam daher von gut zwei Dritteln der Franzosen. Hinzu kommt, dass die Methode für sie nichts völlig Neues ist. In Diskotheken, Bars und Clubs ist nach zwei Uhr morgens der Fahrtüchtigkeits-Selbsttest bereits seit dem 1. Dezember letzten Jahres Pflicht.

Die Skeptiker: Unzuverlässige Testgeräte und juristische Uneindeutigkeiten

Kritiker bezweifeln allerdings die Wirksamkeit der Aktion. Laut der Vorsitzenden der “Liga gegen Gewalt im Straßenverkehr”, Chantal Perrichon, liegt bei 80 Prozent der tödlichen Verkehrsunfälle mit Alkoholbeteiligung der Alkoholpegel der Fahrer bei mindestens 1,2 Promille, die damit so betrunken sind, dass sie sich vor Fahrtantritt kaum noch testen werden. Von der Regelung dürften daher vor allem die Hersteller der Röhrchen profitieren.

Auch der ADAC sowie französische Juristen halten wenig von den Pflicht-Tests. Nach einer eigenen Prüfung der Produkte kritisierte eine ADAC-Sprecherin die Zuverlässigkeit der Röhrchen, die bei Kälte unter zehn Grad Minus oder bei Temperaturen über 30 Grad nicht mehr richtig funktionieren. Die juristischen Bedenken zielten darauf sowie auf die eher langsame Alkohol-Reaktion des Körpers – auf einen negativen Selbsttest könne daher durchaus ein positiver Polizei-Test eine halbe Stunde später folgen.

Rémy Josseaume, ein auf Verkehrsrecht spezialisierter Anwalt, erwartet daher, dass Juristen die Tests künftig in ihrer Verteidigungsstrategie nutzen werden – negative Selbsttest-Resultate sprächen dann im Zweifelsfall gegen Ordnungswidrigkeiten und juristische Konsequenzen für Alkohol am Steuer. Auch Präsident François Hollande zweifelte bereits während seines Wahlkampfs die Wirksamkeit der Röhrchen an, die aus seiner Sicht Autofahrer eher “in die Irre führen”.

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Datum: Montag, 2. Juli 2012 11:54
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