Experten-Interview: Eine unschädliche Alkohol-Dosis gibt es nicht!

Der inzwischen emeritierte Heidelberger Arzt und Professor Dr. Manfred V. Singer beschäftigt sich seit langem mit den klinischen Auswirkungen des Konsums von Alkohol. In seinen Publikationen geht er unter anderem der Frage nach, wie Alkohol sich auf die verschiedenen Organsysteme auswirkt und diese schädigt. Dem Nachrichtenmagazin “Spiegel” gab Professor Singer jetzt ein Interview – seine These: Einen risikofreien Alkoholkonsum respektive eine für den Organismus unschädliche Dosis des Zellgifts gibt es nicht. Damit stellt er der Tendenz nach auch die Limits der Weltgesundheitsorganisation WHO in Frage, die bisher den täglichen Konsum von rund 20 Gramm reinem Alkohol für Männer und von zwölf Gramm für Frauen als unbedenklich einstuft.

Der Alkohol-Experte ging anhand der aktuellen Datenlage davon aus, dass mehr als 20 Prozent aller Deutschen Alkohol in riskanten Mengen zu sich nehmen, im Schnitt konsumieren sie dabei rund 60 Gramm reinen Alkohol respektive mehr als eine Flasche Wein pro Tag. Dass jemand zu einer Feier ausnahmsweise eine solche Menge zu sich nimmt, ist für den Mediziner zwar durchaus legitim und werde kaum dauerhafte gesundheitliche Schäden nach sich ziehen, seine Kernpunkte im Interview zielten jedoch darauf, wie oft jemand tatsächlich größere Dosen Alkohol konsumiert und inwiefern das Trinken tatsächlich noch mit Genuss – und nicht mit einer sich entwickelnden Alkoholabhängigkeit – verbunden ist.

Auch geringe Mengen Alkohol attackieren Leber und Verdauungstrakt

Das Rechenbeispiel Professor Singers bestand in “fünf Gin Tonics” mit rund 100 Gramm reinem Alkohol, die eine hypothetische Person einmal pro Woche konsumiert. Auf den ersten Blick präsentieren sich dabei weder Trinkmenge noch Trink-Häufigkeit als dramatisch, aus der Sicht des Arztes verbirgt sich dahinter trotzdem ein hohes Risiko. Auch bei einem solchen Trinkverhalten leide langfristig die Leber: Das Organ schafft nicht, die Alkoholmenge der fünf Drinks abzubauen, sondern wandelt sie in Fett um, das in den Leberzellen deponiert wird.

Selbst beim täglichen Konsum nur eines Glases Wein bildet sich bereits nach einem Monat eine “leichte Leberverfettung” aus. Nach vier bis acht Wochen ohne Alkohol bildet sich diese zwar wieder vollständig zurück. Wer jedoch immer weiter trinkt, riskiert das Absterben von Leberzellen, Entzündungen, die Bildung von Bindegewebe und schließlich eine irreversible Zirrhose. Heimtückisch sei dabei nicht zuletzt, dass sich auch fortgeschrittene Leberverfettungen nur durch unspezifische Symptome, beispielsweise durch einen leichten Druck unter dem rechten Rippenbogen oder gelegentliche Morgen-Übelkeit, bemerkbar machen.

Außerdem attackieren bereits kleine Mengen Alkohol die Schleimhautzellen in Mund, Speiseröhre und im Magen. Mehrere Schnäpse lösen akute Speiseröhrenentzündungen sowie Immunreaktionen aus. Gleichzeitig erschlafft der Schließmuskel zwischen Speiseröhre und Magen, so dass die bereits angegriffene Schleimhaut durch aufsteigende Magensäure/Sodbrennen weiteren Reizen unterliegt. Hochprozentiges führe dabei auch in geringen Mengen oft zu blutigen Läsionen im oberen Verdauungstrakt – damit diese heilen können, sind mindestens 24 Stunden Abstinenz erforderlich. Wein, Bier und Sekt – also alle vergorenen alkoholischen Getränke – sind hier keine “mildere Alternative”, sondern erhöhen durch eine sehr starke Stimulation der Magensäure bei regelmäßigem Konsum das Risiko für Magen- oder Zwölffingerdarmgeschwüre.

Höhere Konzentration krebserregender Substanzen durch regelmäßigen Alkoholkonsum

Das erhöhte Krebsrisiko bei regelmäßigem Konsum alkoholischer Getränke erklärte der Experte durch die indirekten Auswirkungen des Alkoholabbaus in der Leber, die in unserem Körper zahlreiche krebserregende Substanzen abbaut. Unter Alkoholeinfluss kann sie diese Arbeit jedoch deutlich schlechter leisten, damit steigt die Konzentration von kanzerogenen Stoffen im Blut, die durch den Blutkreislauf auf durch den Alkohol vorgeschädigte Schleimhäute gelangen. Auch hier nannte Professor Zahlen, die eine sehr deutliche Sprache sprechen: Schon ab einer Flasche Wein oder drei großen Gläsern Bier am Tag steigt das Risiko für Mund- oder Speiseröhrenkrebs um das Dreizehnfache. Raucher tragen sogar ein vierzigmal höheres Risiko als Nichtraucher/Abstinente.

Zum Abschluss des Interviews riet Professor Singer, Alkohol ausschließlich zum Essen zu trinken – dabei werde der Magen durch die Säurepufferung geschont, gleichzeitig helfe diese Regel dabei, den Konsum von Alkohol generell zu reduzieren. Die Alkohol-Experten der Gesundheitsakademie Schmidbauer schließen sich dieser Meinung an, empfehlen bei einem bereits problematischen Trinkverhalten vollständige Abstinenz als Therapieziel. In unseren Intensivtrainings zur Aufarbeitung und Prävention von Alkoholproblemen entwickeln Sie Ihre persönliche Strategie für ein Leben ohne Alkohol oder für einen limitierten, verantwortungsvollen Umgang mit dem potentiellen Suchtstoff.

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Datum: Mittwoch, 2. Januar 2013 11:39
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