Europäischer Hausärztekongress – Alkoholgefährdung als zentrales Thema

Auf dem Europäischen Hausärztekongress in Wien war vor kurzem das Trinkverhalten der europäischen Bevölkerung ein zentrales Thema. Die britische Ärztin Julia Sinclair von der Universität Southampton legte Zahlen vor – demnach hatten im vergangenen knapp sechs Prozent aller Europäer – respektive 9,1 Prozent der Männer und zwei Prozent der Frauen – ein mit ihrem Alkoholkonsum verbundenes gesundheitliches Problem. Regional fokussiert sich der Alkoholmissbrauch anhand der Datenbasis des schottischen Suchtexperten Richard Watson mit einem Pro-Kopf Verbrauch von 15 bis 15 Litern reinem Alkohol auf Osteuropa und die Nachfolgestaaten der früheren UdSSR. In Mittel- und Westeuropa läge dieser Wert bei zwölf bis 15 Litern.

Die klassischen Weinländer in Südeuropa fielen dagegen nur mit einem Pro-Kopf-Konsum von neun bis zwölf Litern reinem Alkohol ins Gewicht, zudem sei der Konsum dort in den letzten 40 Jahren um 50 bis 60 Prozent zurückgegangen. Am gefährlichsten als Einstieg in die Alkoholsucht sei das regelmäßiges Binge-Trinken, also der Alkoholkonsum bis zum Rausch.

Die Zahlen des Kongresses decken sich im Wesentlichen mit dem im Juni 2012 vorgelegten deutschen und europäischen Alkohol-Bericht des Dresdner Psychologen Jürgen Rehm. Ebenso wie dieser forderten die Ärzte ein Umdenken im Hinblick auf die Prävention und Therapie der Alkoholsucht.

Hausärztliche Prävention und Beratung vor der Suchtentstehung

Julia Sinclair thematisierte unter anderem die Früherkennung von Alkoholproblemen in der hausärztlichen Praxis – beispielsweise mittels einfacher Fragebögen, welche den Patienten routinemäßig angeboten werden. Aus ihrer Sicht beschäftigen sich Mediziner und Sucht-Experten “traditionell” vor allem mit Patienten mit einer bereits klinisch manifesten Alkoholsucht. Der Ärztin ging es demgegenüber vor allem um die Risikobestimmung und eine umgehende Beratung.

Den derzeit vor sich gehenden Paradigmenwechsel in der Therapie der Alkoholsucht – Reduktion des individuellen Alkoholkonsums/kontrolliertes Trinken anstatt lebenslanger totaler Abstinenz – befürwortete die Ärztin sehr ausdrücklich. Zudem belegten aktuelle Studien, dass rund die Hälfte der ärztlich oder psychologisch begleiteten “kontrollierten Trinker” im Verlauf der Konsumreduktion schließlich dauerhafte Abstinenz erreicht. Demgegenüber erlebten die meisten Alkoholkranken in Abstinenz-Therapien mindestens einen vorrübergehenden Rückfall.

Therapie von Depressionen – Start mit einem Monat Abstinenz

Der dänische Sucht-Experte Finn Zierau diskutierte in Wien den Zusammenhang von riskantem Alkoholkonsum und Despressionen. Alkohol wirke bekanntermaßen auf das Belohnungszentrum des Gehirns und verändere dort die Rezeption von Botenstoffen wie Dopamin, Glutamat oder Serotonin. Ebenso zielten moderne Antidepressiva auf die Steigerung des Serotonin-Spiegels der Erkrankten ab. Hier liege gleichzeitig ein wesentlicher Punkt im Hinblick auf die Suchtgefährdung: Alkohol in geringen Mengen steigere die Konzentration des Serotonins, größere Trinkmengen lösten dagegen einen Mangel aus. Viele Depressive “therapierten” sich daher bewusst oder unbewusst selbst mit alkoholischen Getränken, verstärkten damit aber auch ihre Depression.

Die Frage nach “Henne oder Ei” – Depression oder Alkoholsucht als der Grunderkrankung – sei medizinisch zwar bisher nicht geklärt. Für die Praxis empfahl Zierau, bei depressiven Zuständen die Betroffenen immer auch nach ihrem Alkoholkonsum zu fragen und gegebenenfalls zu einem Monat Abstinenz zu raten – ein großer Teil dieser Patienten sei danach von beiden gesundheitlichen Problemen geheilt. Die schnelle Verordnung von Antidepressiva verdecke ihren klinischen Zusammenhang dagegen.

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Datum: Freitag, 3. August 2012 11:29
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