Alkoholprobleme von Senioren – aktuelle Zahlen aus Berlin und Sachsen

Nach Brandenburg thematisieren auch andere Bundesländer die wachsende Alkoholgefährdung von Senioren – entsprechende Meldungen kamen jetzt aus Berlin und Sachsen. Berlin gab an, dass die dortigen Senioren deutlich häufiger zur Flasche greifen als ihre Altersgenossen in anderen Bundesländern, in die Berliner Krankenhäuser werden fast doppelt so viele Senioren mit akuten Alkoholproblemen eingeliefert als im Bundesdurchschnitt. Auch Sachsen bezeichnete riskanten Alkoholkonsum von Senioren als ein wachsendes Problem – beispielsweise habe sich die Zahl über 65-jähriger, die wegen ihrer Alkoholprobleme die Hilfe einer Suchtberatungsstelle in Anspruch nahmen, zwischen 2001 und 2010 verdoppelt.

Berliner Charité – Alkoholsucht von Senioren war bisher kein Forschungsthema

Die aktuelle Berliner Suchthilfestatistik benennt Alkohol als den mit Abstand größten Suchtfaktor in der Hauptstadt – über 40 Prozent der ambulant oder stationär behandelten Patienten mit Suchtproblemen waren Alkoholiker. Der Psychiater Darius Chahmoradi Tabatabai vom Berliner Auguste-Viktoria-Klinikum benennt als Ursache dafür unter anderem die prekäre soziale Situation vieler Berliner – aus seiner Sicht haben “Menschen mit Arbeit eine viel ausgeprägtere Fähigkeit zur Abstinenz”. In seiner Klinik wurden von Anfang 2011 bis heute 580 Patienten für eine Alkohol-Entwöhnungstherapie aufgenommen, über zehn Prozent von ihnen waren über 65 Jahre alt. Laut Tabatabai handelte es sich dabei überwiegend um ältere Männer, die aufgrund anderer Persönlichkeitsstörungen zudem nicht in der Lage seien, ihr Suchtproblem wirklich zu erkennen. Alarmierend sei die Position Berlins unter anderem im Vergleich zum Bundesdurchschnitt behandlungsbedürftiger alkoholabhängiger Senioren von derzeit knapp sechs Prozent.

Die Berliner Charité will künftig die Zahl alkoholabhängiger älterer Menschen separat erfassen. Professorin Adelheid Kuhlmey vom Charité-Institut für medizinische Soziologie sagte dazu, dass das Thema “Senioren und Alkoholsucht” gesellschaftlich keine Rolle spielte und die Forschung dazu noch ganz am Anfang stehe. Als Ursachen der Problematik sah sie neben dem von vielen Senioren dramatisch erlebten Eintritt in den Ruhestand auch den Verlust des Partners, Perspektivlosigkeit sowie Krankheiten und Schmerzen.

Sachsen – Berücksichtigung der Suchtprobleme künftig auch in der Pflege

Die Zahlen aus Sachsen legten nahe, das die Alkoholsucht von Senioren zwar im Vergleich zu jüngeren Altersgruppen in der Arbeit der Suchtberatungsstellen bisher zwar nur eine marginale Rolle spiele: Zwischen 2001 und 2010 habe sich ihre Zahl von 100 auf 200 Hilfesuchende verdoppelt. Zum Vergleich: Bei den 20-bis 29-jähigen ließen sich 2010 rund 1.400 Menschen beraten. Für Senioren gelte, dass nur die wenigsten von ihnen erst im Alter süchtig würden – mit zunehmender Einsamkeit und anderen Problemen des höheren Lebensalters nehme allerdings die “Suchtverlockung” zu.

Die sächsischen Krankenkassen nannten einige weitere Zahle. Laut Angaben der Ersatzkassen diagnostizierten Ärzte 2011 bei gesetzlich Versicherten im Alter über 60 Jahren bei 290 Patienten “psychische und Verhaltensstörungen durch Alkohol” – fünf Prozent mehr als im Jahr 2009. Die Zahl der stationären Aufnahmen wegen alkoholbedingter Lebererkrankungen stieg im gleichen Zeitraum um 43 Prozent auf etwa 500 Fälle.
Der Freistaat will Alkoholprobleme von Senioren künftig auch in der Pflege stärker berücksichtigen – schon bisher sind in diesem Sektor rund 50 Suchtberater und Pflegekräfte mit einer entsprechenden speziellen Schulung tätig.

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Datum: Montag, 6. August 2012 11:53
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