Alkoholprävention bei Jugendlichen – aber wie?

Mecklenburg-Vorpommern und Sachsen-Anhalt halten derzeit einen Negativ-Rekord in der bundesdeutschen Alkohol-Statistik: In den beiden Ländern kommen auf je 100.000 Einwohner 37 respektive 36 alkoholbedingte Todesfälle – der bundesdeutsche Durchschnitt liegt bei je 18 Menschen jährlich, die an den Folgen ihres Alkoholmissbrauchs sterben. Neben “historischen” Faktoren – der “Trinkkultur” der früheren DDR und ihrer hohen Toleranz für Alkohol – wirken sich hier auch aktuelle soziale Schieflagen sowie das niedrige Einstiegsalter in eine Suchtkarriere aus.

Eine alarmierende Meldung kam jetzt aus Zeitz in Sachsen-Anhalt. Ein zehnjähriger Junge wurde dort mit einem Blutalkoholspiegel von 1,72 Promille und völlig hilflos aufgegriffen. Sein Fall intensiviert derzeit die regionale Diskussion über jugendliche “Koma-Säufer” und gesellschaftliche Möglichkeiten eines möglichst frühen Gegensteuerns.

Entscheidend: Präventiv-Arbeit mit Eltern und Familien

Stadtjugendpflegerin Kathrin Gröschel ist überzeugt, dass alle Präventionsmaßnahmen nichts nützen, wenn es den Initiativen nicht gelingt, auch die Eltern gefährdeter Kinder und Jugendlicher zu erreichen und mit ins Boot zu holen. Dieser Teil der Arbeit von Jugendämtern und anderen Institutionen gestaltet sich oft besonders schwer – Alkoholprobleme in den Familien werden auch in Bezug auf Jugendliche oft verdrängt und totgeschwiegen. Die Mutter eines alkoholkranken Jugendlichen aus Zeitz berichtete gegenüber der “Mitteldeutschen Zeitung”, dass ihr Sohn bereits im Alter von zwölf Jahren kein alkoholfreies Wochenende kannte. Als Gründe benannte sie neben älteren Freunden, Gruppendruck und der Tatsache, dass die Jugendlichen sich ihren Alkohol sehr leicht beschaffen konnten, auch familiäre Hintergründe – in diesem Fall die Alkoholkrankheit des Vaters. Das Alkoholproblem des Sohnes hat sie sich – auch aus Scham – erst nach drei Jahren eingestanden.

Die Stadt Zeitz versucht dem Alkoholmissbrauch von Jugendlichen unter anderem durch engagierte Streetworker und eine gute Vernetzung von Sozialarbeitern, Jugendamt und Jugendfreizeiteinrichtungen beizukommen. Die Eltern und Familien erreichen sie aus Sicht der Streetworkerin Rosita Nestler damit nur bedingt.

Präventionswochen mit ehemaligen Süchtigen – Erfahrungen aus “erster Hand”

Die Flensburger Käthe-Lassen-Schule hat für ihre Alkohol- und Drogenprävention andere Wege eingeschlagen. Die norddeutsche Gemeinschaftsschule integriert entsprechende Aktivitäten in diesem Schuljahr erstmals direkt in den Unterricht und organisiert dafür Präventionswochen in ihren fünften bis siebenten Klassen, deren Themen von Alkohol und Rauchen über Drogenmissbrauch bis zum Suchtpotential von Online-Medien reichen. Das Spannende dabei: Lehrerkollegium und Schulsozialarbeiter setzen bei den Veranstaltungen nicht nur auf Theorie, sondern laden dazu ehemalige Süchtige in die Schule ein, die ihre Erfahrungen mit der Sucht aus “erster Hand” vermitteln können. Schulleiter Peter Semmler ist davon überzeugt, dass derartige “Eindrücke aus der Realität” bei den Schüler generell auf ein viel höheres Interesse treffen als der normale Unterricht. Die Eltern der Schüler werden dabei von vorherein mit einbezogen.

Die Präventionswoche in Flensburg ist zunächst ein Test, der im Erfolgsfall in den nächsten Jahren in die reguläre Planung übernommen wird. Von den Schülern und ihren Familien kamen bereits positive Reaktionen und der Wunsch nach einer Wiederholung im nächsten Schuljahr. Aus Sicht der Gesundheitsakademie Schmidbauer praktiziert Flensburg damit ein Modell-Projekt, das künftig hoffentlich auch von anderen Schulen übernommen wird.

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Datum: Montag, 25. Februar 2013 11:14
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