Alkoholkonsum von Jugendlichen: Für spätere Probleme ist der erste Rausch entscheidend

Ein früher Kontakt von Jugendlichen mit Alkohol wurde bisher als ein wichtiger Risikofaktor für die Entwicklung von Verhaltensauffälligkeiten und expliziter Sucht betrachtet. Ein europäisches Forscherteam veröffentlichte jetzt im Fach-Journal “Alcoholism: Clinical & Experimental Research” eine Studie mit Ergebnissen, die dieser These widersprechen. Demnach ist das Alter Jugendlicher bei ihrem ersten Konsum von Alkohol nicht der entscheidende Faktor für spätere Probleme – ein hohes Risiko dafür ergibt sich vielmehr aus dem ersten echten Rausch in sehr jungen Jahren. Eine wirksame Alkohol-Prävention bei Jugendlichen sollte sich aus Sicht der Wissenschaftler daher auf das Verhindern früher Trunkenheit konzentrieren.

Für die Untersuchung haben die Forscher Daten zum Trinkverhalten von insgesamt 44.801 15-jährigen Jugendlichen aus Europa und Nordamerika ausgewertet, die im Rahmen einer von der WHO geförderten globalen Gesundheitsstudie gesammelt worden waren. Dabei wurden die Angaben der Jugendlichen zu ihrem ersten Kontakt mit alkoholischen Getränken und ihrem ersten Rausch mit dem Auftreten von fünf problematischen Verhaltensweisen abgeglichen. Als “problematisches Verhalten” wurden Rauchen, der Konsum von Marihuana, Gewalt, Verletzungen und schlechte Leistungen in der Schule definiert.

Jugendliche ohne frühe Rauscherfahrung entwickeln sich unauffällig

Die Forscher konnten einen deutlichen Zusammenhang zwischen dem Alter des Erstkontakts mit Alkohol und diesen kritischen Faktoren immer dann belegen, wenn der erste Alkoholkonsum mit einem Rausch identisch war. Jugendliche, die zwar bereits früh Alkohol probierten, jedoch nie betrunken waren, entwickelten sich dagegen ohne Verhaltensauffälligkeiten.

Emmanuel Kuntsche, einer der Erstautoren der Studie und Mitarbeiter der Lausanner Stiftung “Sucht Schweiz” wandte sich in seinem öffentlichen Fazit unter anderem an die Eltern, für die er in diesen Forschungsergebnissen wichtige Konsequenzen sah. Eltern sollten nicht in Panik verfallen, wenn Kinder oder Jugendliche einmal ein alkoholisches Getränk gekostet hätten, sondern in einem solchen Fall erklären, dass jugendlicher Alkoholkonsum unter anderem deshalb problematisch sei, weil er die weitere Entwicklung des Gehirns behindere. Ein früher Konsum von Alkohol könne zwar ein Indikator für Verhaltensstörungen, Traumata oder familiäre Alkoholprobleme sein, führe aber nicht notwendigerweise zu Verhaltensauffälligkeiten oder in eine Sucht-Karriere. Künftige Forschungen müssten sich deutlich stärker als bisher auf den Zusammenhang von früher Trunkenheit und späteren alkoholbedingten Problemen konzentrieren.

“Bemerkenswerte Studie” widerlegt gängige Paradigmen

Der italienische Sucht-Experte Allaman Allamani bewertete die Arbeit des Forscherteams als eine “bemerkenswerte Studie”, die einen Bereich beleuchte, in dem bisher fast immer ein offensichtlicher und ursächlicher Zusammenhang zwischen frühem Alkoholkonsum und Problemverhalten angenommen wurde. In entsprechenden früheren Studien bliebe regelmäßig offen, warum Alkohol in geringen und nicht toxischen Mengen in direkter Linie zu gravierenden Problemen führen solle. Allerdings: In den meisten studienrelevanten Trinkkulturen führe das “erste Glas” auch zur ersten Rauscherfahrung.

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Datum: Montag, 24. Dezember 2012 10:00
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