Alkoholismus im Alter

Über den Alkoholmissbrauch bei Jugendlichen wird oft diskutiert unter dem Schlagwort „Komasaufen“. Verdrängt wird dabei, dass suchtartiges Trinken auch ein Altersphänomen ist. Lange hat die Wissenschaft das Problem vernachlässigt: Alkoholmissbrauch gibt es keineswegs nur bei jungen Leuten. Auch im Alter sind viele Menschen gefährdet – und das mit steigender Tendenz.

Bei den über 60-Jährigen gelten zwei bis drei Prozent als alkoholabhängig. Zehn bis 20 Prozent trinken regelmäßig zu große Mengen. 15 Prozent konsumieren drei bis vier Gläser Bier oder Wein pro Tag. Und sie nehmen achtmal so viel Medikamente wie jüngere Menschen. Das ist zu viel, sagen Wissenschaftler, doch noch nimmt kaum jemand das Problem ernst. Alte und ältere Menschen fallen mit ihrem Alkohol- oder Tablettenkonsum viel seltener auf als beispielsweise Jugendliche.

Sie trinken alleine in den heimischen vier Wänden oder nehmen Pillen, um trotz Schmerzen schlafen zu können. Die ältere Generation möchte niemandem zur Last fallen und trotz körperlicher oder seelischer Schwierigkeiten irgendwie funktionieren. Sie wollen auf jeden Fall vermeiden aufzufallen – was die anderen von ihnen denken könnten, ist auch Älteren nicht egal. Deshalb versuchen sie alles, um ihre Sucht oder ihren steigenden Konsum geheim zu halten. Denn viele empfinden ihr Suchtverhalten als Versagen. Über 90 Prozent der Betroffenen suchen keine Hilfe auf. Das ist der Grund, warum Suchtforscher von einer stillen Sucht sprechen.

Suchtmittel wie Alkohol, Nikotin oder Medikamente schädigen den menschlichen Körper – je älter Menschen werden, um so mehr. Ein 65-Jähriger verträgt in der Regel mehr als ein 85-Jähriger, doch individuelle Fitness, Konstitution und Vorerkrankungen spielen im höheren Lebensalter eine so bedeutsame Rolle, dass Wissenschaftler pauschal gesichert nur sagen können: so wenig Suchtmittel wie möglich! Denn sie verstärken Herz-Kreislauf-Erkrankungen, schädigen Leber, Bauchspeicheldrüse und den Magen-Darm-Trakt. Sie verursachen Schlaganfälle, Hirnblutungen, Stürze und nicht zuletzt auch Demenz. Doch häufig erkennen selbst Hausärzte nicht, dass es sich dabei um die Folgen von Alkohol- oder Tablettenmissbrauch handelt, sondern halten die Beschwerden für eine alterstypische Erkrankung.

Alkoholsucht gilt im Alter bei vielen Menschen noch immer als eine Art Kavaliersdelikt. „Was haben die Alten denn sonst noch?” Ist häufig zu hören, wenn über Sucht im Alter geredet wird. Das liegt einerseits daran, dass das Alter bei uns noch immer einen denkbar schlechten Ruf hat, trotz Seniorenreisen, Filmen über Sex im Alter und Tanzkursen unter dem Motto “60Plus”. Andererseits wissen viele nicht, dass die Neurowissenschaften herausgefunden haben: Menschliche Gehirne sind auch noch im hohen Alter flexibel und veränderbar. Für einen Entzug oder Verzicht ist keiner zu alt.

Da immer mehr Menschen immer älter werden, wächst auch die Anzahl derjenigen Alten, die ein Suchtproblem haben. Aber das allein erklärt noch nicht die Gesamtproblematik. In Bezug auf Alkohol ist festzustellen: Die alten Menschen trinken heute auch definitiv mehr. Wissenschaftler nennen das den Kohorteneffekt. Das bedeutet: In der Altersgruppe über 60 Jahren gibt es inzwischen einen deutlich höheren Alkoholkonsum als früher. Und vielen Menschen ist nicht klar, dass man im Alter nicht mehr so viel verträgt wie früher. Die gleiche Menge Alkohol, die jemand in jüngeren oder mittleren Jahren scheinbar folgenlos getrunken hat, kann im höheren Alter zum Problem werden.

Haben Sie noch weitere Fragen zu diesem Thema? Wenden Sie sich an die Gesundheitsakademie Schmidbauer.

Quelle: BR

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Datum: Donnerstag, 7. Januar 2016 11:42
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