Alkoholforschung: Fehlendes Gen fördert Stress-Anfälligkeit und Alkoholismus

Alkoholsucht ist eine komplexe Krankheit, bei deren Entstehung Umwelteinflüsse, lebensgeschichtliche und psychische Gegebenheiten, die Entwicklung “negativer Verhaltensmuster” sowie genetische und neurobiologische Faktoren eine Rolle spielen. Mediziner und Pharmakologen setzen zumindest perspektivisch in der Suchtbehandlung inzwischen deutlich stärker als noch vor wenigen Jahren auf die Ergebnisse der genetischen Forschung, die zur Entwicklung neuer Therapien und Medikamente führen könnten.

Forscher der Leipziger Universität und des Leibnitz-Instituts für molekulare Biologie Berlin veröffentlichten im Online-Fachjournal “Plos One” jetzt die Ergebnisse einer Gemeinschaftsarbeit zu neurobiologischen Suchtauslösern. Ihr Fazit: Das Fehlen eines bestimmten Gens erzeugt eine erhöhte Anfälligkeit für Stress und parallel dazu ein größeres Risiko für die Ausbildung einer Alkoholsucht. Durch Eingriffe in den Proteinstoffwechsel des Körpers könnte künftig Alkoholikern mit einer solchen genetischen Disposition wirksam geholfen werden.

Stress-Resistenz wird durch den Enzym-Stoffwechsel beeinflusst

Bis zur Entwicklung entsprechender Therapieansätze ist es allerdings noch ein weiter Weg. Die Forscher gewannen diese Erkenntnis zunächst an Mäusen. Den für das Experiment gezüchteten Tieren fehlte das Gen für die Bildung und Steuerung des Enzyms Neprisylin, das im Gehirn bestimmte Proteine abbaut. Bei Störungen des Neprisylin-Stoffwechsels werden diese in den Gehirnzellen abgelagert, stören deren Funktion und können beispielsweise auch zur Alzheimer-Erkrankung führen. In der Studie konnten die Wissenschaftler zeigen, dass Tiere ohne das entsprechende Gen auf Stress deutlich stärker reagierten und versuchten, die Belastungen mit Alkohol zu kompensieren.

Genetisch veränderte Mäuse kompensieren Stress mit Alkohol

Im Experiment hatten die Mäuse die Wahl zwischen Flaschen mit Wasser oder Alkohol. Später wurden sie für maximal eine Viertelstunde mit einem fremden Männchen konfrontiert – für die Tiere eine Konkurrenzsituation und damit der pure Stress. Diesen versuchten sie durch eine verstärkte Aufnahme von Alkohol zu entschärfen, deren Ausmaß dem Trinkverhalten eines Alkoholikers entsprach. Wenn die Mäuse der Stresssituation nur einmal ausgesetzt wurden, normalisierte sich ihr Alkoholkonsum nach einigen Tagen. Wenn sie die gleiche Konstellation ein weiteres Mal erlebten, tranken sie dagegen bis zum Ende des Experiments in exzessivem Maße.

Studienleiter Professor Thomas Walter geht davon aus, dass sich die Ergebnisse der Experimente auf den Menschen übertragen lassen. Die Studie belege den direkten Zusammenhang zwischen der “Neprisylin-Aktivität und stressbedingtem Alkoholkonsum”. Bei genetisch veränderten und pharmakologisch behandelten Mäusen hätten die Forscher dabei identische Ergebnisse erhalten, was die gewonnenen Erkenntnisse “besonders stark” macht. Die Experimente des Forscherteams aus Berlin und Leipzig verweisen daher auf völlig neue Therapieansätze für die Alkoholsucht, bei denen der Proteinstoffwechsel von betroffenen Patienten medikamentös beeinflusst wird.

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Datum: Freitag, 25. Januar 2013 10:54
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