Alkoholbedingte Aggressionen – Wissenschaftler analysieren ihre Hintergründe

Dass Alkohol enthemmt und aggressiv macht, ist eine Binsenweisheit. Jedenfalls konstatiert sogar die WHO, dass alkoholische Getränke unter allen bewusstseinsverändernden Stoffen das größte Aggressionspotential in sich tragen. Statistisch spielt extremer Alkoholkonsum bei etwa der Hälfte aller Gewalt- und Sexualdelikte eine Rolle.

US-amerikanische und deutsche Forscher beschäftigen sich seit längerem auch mit den physiologischen Hintergründen – “Spiegel Online” veröffentlichte jetzt einige Resultate: Ob und in welchem Maße jemand unter Alkoholeinfluss zu Aggressionen neigt, entscheiden unter anderem Stoffwechselprozesse im Gehirn. Tierversuche lieferten außerdem erste Anhaltspunkte dafür, dass traumatische Erfahrungen und “soziale Isolation” in der frühen Kindheit diese Vorgänge beeinflussen und verändern können.

Aggressive Trinker – das Emotionszentrum “kocht über”

Alkohol wirkt in entwicklungsbiologisch alten Hirnregionen – ein Rausch beeinträchtigt die Funktion des “präfrontalen Kortex”, der unter anderem Handlungs- und Planungsaktivitäten steuert. Betrunkene zeigen ein ähnliches Verhalten wie Unfallopfer mit Verletzungen des Stirnhirns: Handlungs- Wahrnehmungs- und Aufmerksamkeitsdefizite sowie Kontrollverlust.

Gleichzeitig ist der präfrontale Cortex mit Strukturen des limbischen Systems, speziell der Amygdala (Mandelkern) – verbunden, welche die Verarbeitung von Emotionen steuern. Tests mit bildgebenden Verfahren belegten jetzt, dass Personen, die zu Aggressionen neigen, unter Alkoholeinfluss deutlich stärkere Amygdala-Aktivitäten als “unauffällige Kontrollpersonen” – bei weitgehend ausgeschalteter Kontrolle durch das Stirnhirn – zeigten, was nahelegt, dass bei ihnen die Verbindung zwischen den beiden Arealen neurophysiologische Besonderheiten aufweist.

Wechselwirkung von physiologischen und sozialen Komponenten

Gleichzeitig werden unter Alkoholeinfluss “verhaltensrelevante” Botenstoffe stärker ausgeschüttet: Gamma-Aminobuttersäure (GABA) hemmt die Reaktion des präfrontalen Cortex. Dopamin stimuliert das Belohnungszentrum im Gehirn, fördert Aggressionen und löst unter Umständen durch seine Wirkungsweise in der Amygdala auch Angstverhalten – und damit Abwehrreaktionen – aus.

Auch das “Glückshormon” Serotonin spielt hier eine Rolle – Tierversuche zeigten, dass bei einer unterdurchschnittlichen Anzahl von Serotonin-Rezeptoren im Stirnhirn Versuchstiere unter Alkoholeinfluss deutlich aggressiver reagierten. Studien mit Rhesusaffen legten nahe, dass bei früher Trennung von der Mutter respektive “sozialer Isolation” Veränderungen des Serotonin-Haushalts, Aggressionen und das Verlangen nach verstärktem Alkoholkonsum zusammenfallen – genetische Veränderungen mit Einfluss auf die individuellen Serotonin-Transporter verstärken den Zusammenhang und erzeugen gleichzeitig eine relative Toleranz für größere Mengen Alkohol. US-amerikanische Forscher testeten im letzten Jahr erfolgreich Serotonin-Medikamente als Aggressions-Hemmer und Spannungslöser im Rahmen einer Suchttherapie.

Eine Studie des Mannheimer Zentrums für Seelische Gesundheit zeigte ein solches Schema auch bei Menschen – jugendliche Probanden beantworteten dafür Fragen über ihren Alkoholkonsum sowie dessen Wirkung. Jugendliche mit hoher Alkoholtoleranz zeigten ähnliche physiologische/genetische Auffälligkeiten wie andere Primaten. Psychologisch spielten bei der Ausbildung von Aggressions-Routinen auch frühe Erfahrungen mit dem Zusammenhang von Gewalt und Alkohol sowie hierdurch manifeste Ängste eine Rolle.

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Datum: Mittwoch, 30. Mai 2012 11:46
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