Alkohol-Therapie in Deutschland – geringe Reichweite, suboptimaler Ansatz

Der Dresdner Psychologe Professor Dr. Jürgen Rehm kritisiert in seinem Bericht “Alkoholkonsum, Alkoholabhängigkeit und Gesundheitsschäden in Deutschland”, dass die Behandlung alkoholkranker Patienten hierzulande nicht optimal sei. Am erfolgversprechendsten sei eine Kombination von therapeutischer Intervention und der medikamentösen Behandlung der Alkoholsucht. Das Problem dabei: In Deutschland werden bisher nur zehn Prozent aller Alkoholiker überhaupt behandelt.

Der Report beruht auf Analysen der Initiative”AktivA”, einem Zusammenschluss von Wissenschaftlern, Unternehmen und Verbänden, die eine aktive Alkoholtherapie von Erwachsenen unterstützt. Sponsorengelder kamen unter anderem vom dänischen Pharma-Unternehmen Lundbeck, der derzeit ein Medikament zur Therapie der Alkoholsucht entwickelt.

Professor Rehm legte einige aktuelle Zahlen vor, welche die Brisanz der Problematik untermauern. Demnach bezahlt der Bund pro Jahr 26,7 Milliarden Euro für gesundheitliche und soziale Folgen übermäßigen Alkoholkonsums. Ein riskantes Trinkverhalten legen in Deutschland rund zehn Millionen Menschen an den Tag, 1,3 Millionen von ihnen haben bereits eine manifeste Sucht entwickelt. Pro Jahr sterben 13.600 Männer sowie 3.950 Frauen im Alter unter 65 Jahren – “jeder achte Mann und jede vierzehnte Frau” – durch ihren Alkoholkonsum.

Medikamentöse Therapie verhindert alkoholbedingte Todesfälle

Durch eine Therapie werden jedoch nur zehn Prozent aller Alkoholabhängigen erreicht – Rehm bezeichnete die Alkoholsucht in diesem Kontext als eine “hoch stigmatisierte Krankheit“. In seiner Studie rechnete er fünf unterschiedliche Szenarien bei gesteigerten Behandlungsraten durch. Die wirksamste Intervention gegen die Alkoholsucht ist demnach die Verbindung von therapeutischen Kurz-Interventionen – maximal 20-minütigen ärztlichen oder psychologischen Gesprächen, die bei den Betroffenen Problembewusstsein erzeugen und ihnen Wege aus ihrer Suchterkrankung zeigen sollen – mit einer medikamentösen Behandlung beispielsweise mit Naltrexon oder Acamprosat.

Wenn 40 Prozent aller Alkoholiker auch eine solche medikamentöse Therapie erhalten würden, könnten pro Jahr rund 2.000 alkoholbedingte Todesfälle vermieden werden.

Individuelle Behandlung statt Standardtherapie

Von der Medizinischen Hochschule Hannover kam eine weitere Überlegung: Der Sucht-Experte Professor Dr. Thomas Hillemacher meint, dass der gegenwärtige Therapieansatz und seine pauschale Forderung nach absoluter und lebenslanger Abstinenz nicht für alle Alkoholabhängigen geeignet sei und außerdem zu hohen Rückfall-Quoten führe.

Im ersten Jahr nach einer zunächst erfolgreichen Therapie erlitten gegenwärtig 70 Prozent der Patienten einen Rückfall, im zweiten Jahr sei diese Zahl sogar auf 90 Prozent angewachsen. Hillemacher orientiert darauf, in der Behandlung der Alkoholsucht – analog zu anderen medizinischen Bereichen – künftig individuelle Therapieziele festzulegen, die eine “Schadensminderung” bewirken.

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Datum: Freitag, 6. Juli 2012 10:52
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