Alkohol in der Schwangerschaft: Schädigung des Nervensystems statt äußere Auffälligkeit der Kinder

Bisher galt als medizinisches Paradigma, dass Kinder von Müttern, die in der Schwangerschaft stark getrunken haben, in ihrem Leben auch unter den äußerlichen Symptomen des “Fetalen Alkoholsyndroms (FAS)” zu leiden haben. Eine neue US-amerikanische Studie belegte jetzt, dass bei Kindern von Alkoholikerinnen äußerlich sichtbare Veränderungen eher eine sekundäre Rolle spielen. Störungen des zentralen Nervensystems treten dagegen alarmierend häufig auf.

Ein Wissenschaftler-Team des National Institute of Health Bethesda/Maryland unter Leitung von Devon Kuehn und Edward Riley wählten für die in Chile durchgeführte Erhebung aus 10.000 Schwangeren eine Stichprobe von 101 Frauen aus, die täglich mindestens vier alkoholische Getränke mit einer reinen Alkoholmenge von 48 Gramm zu sich nahmen. Eine Kontrollgruppe umfasste 101 abstinent lebende schwangere Frauen. Die Langzeit-Studie dokumentierte die Entwicklung der Kinder über knapp neun Jahre. Die behandelnden Ärzte waren dabei nicht über den Alkoholkonsum der Mütter informiert.

Schwangere Trinkerinnen – 80 Prozent der Kinder leiden unter Folgeschäden

80 Prozent der Frauen, die während der Schwangerschaft getrunken hatten, brachten Kinder mit Anomalien zur Welt – bei den abstinenten Müttern lag dieser Wert bei “nur” 14 Prozent. Unter Wachstumsstörungen litten die Kinder der Trinkerinnen mit rund 27 Prozent fast doppelt so häufig. Im späteren Leben zeigten sie zudem deutlich öfter Lern- und Sprachprobleme sowie allgemeine Verhaltensauffälligkeiten.

Ein regelmäßiges Rauschtrinken der Mütter zeitigte dabei besonders negative Folgen. Überraschend war für die Ärzte allerdings, dass typische äußerliche FAS-Symptome – unter anderem ein flaches Gesichts-Profil, geringer Kopfumfang und schmale Oberlippe – bei ihnen deutlich seltener zu finden waren als erwartet.

Bessere Diagnostik für alkoholbedingte Auffälligkeiten der Kinder?

Die Ergebnisse der Erhebung haben unmittelbare Konsequenzen für die alltägliche klinische Praxis. Bisher liefern die äußerlich sichtbaren FAS-Symptome für die meisten Ärzte einen grundsätzlichen Anhaltspunkt für Vorliegen und Auswirkungen des mütterlichen Alkoholkonsums.

In einer Mittteilung zur Studie befürchteten die beteiligten Wissenschaftler jetzt, dass viele Kinder mit neurologischen Symptomen daher auf Basis falscher Diagnosen und ohne Berücksichtigung der vorgeburtlichen Wirkung des Alkohols behandelt werden.

Be Sociable, Share!

Autor:
Datum: Mittwoch, 25. Juli 2012 11:25
Trackback: Trackback-URL Themengebiet: Alkoholsucht

Feed zum Beitrag: RSS 2.0 Diesen Artikel kommentieren

Kommentar abgeben