Abstinenz als gesellschaftlicher Trend?

Der Name des Tübinger Oberbürgermeisters Boris Palmer erschien in den letzten Wochen in den Medien mehr als einmal im Zusammenhang mit Alkohol. Der grüne Politiker macht sich in seiner Stadt seit längerem für Alkoholverbote auf öffentlichen Plätzen stark und entwickelte unter anderem das neue Konzept der Landesregierung in Stuttgart für das Verhindern öffentlicher Alkoholexzesse: Statt genereller Trinkverbote soll es dort künftig für betrunkene Randalierer individuelle Platzverbote geben.

Zum Start der Fastenzeit erklärte Boris Palmer jetzt, dass er auch persönlich seit Jahren auf Alkohol verzichte, zu seinem 20. Geburtstag habe er sein letztes Glas getrunken. Palmer nimmt für sich in Anspruch, “schon immer” gegen den Strom zu schwimmen. Alkohol lehne er für sich selber deshalb ab, weil er ihm nicht schmecke. Gleichzeitig schockiere ihn, dass die Polizei immer häufiger auf immer jüngere sturzbetrunkene Jugendliche stoße, dass an Alkohol ganze Existenzen zerbrechen und in welchem Ausmaß Alkoholmissbrauch im häuslichen Umfeld oder auf der Straße mit Gewalt verbunden ist. Als angenehm empfindet Palmer, dass er auf Empfängen heute nicht mehr zwangsläufig erklären muss, warum er statt Alkohol nur Wasser trinke. Aus seiner Sicht wächst die soziale Akzeptanz für Abstinenz. Experten sehen darin bereits den Beginn eines neuen “sozialen Trends”.

Verein “Juvente” – “Spaß ohne Alkohol” für junge Menschen

Abstinente Jugendliche machen bisher allerdings eine andere Erfahrung: Wer nicht trinkt, wird oft in seinem Umfeld ausgegrenzt oder muss mit negativen Kommentaren leben. Max Vollmer (27), Informatik-Student und Vorsitzender des Vereins “Juvente”, sieht gerade bei jungen Menschen einen sehr hohen Rechtfertigungsdruck für ein alkoholfreies Leben. In seinem Verein sind 50 junge Erwachsene und Jugendliche aktiv, die nach skandinavischem Vorbild “Spaß ohne Alkohol und Drogen” praktizieren und dafür – im realen Leben und im Internet – auch anderen Jugendlichen eine Plattform bieten wollen. Die Mitglieder haben ganz unterschiedliche Gründe, nicht zu trinken – einige stammen aus entsprechend vorbelasteten Familien, andere aus einem Umfeld, in dem Alkohol und Tabak seit Generationen keine Rolle spielen. Ein “missionarischer Anspruch” sei mit der Initiative nicht verbunden.

Der Grund für freiwillige Abstinenz ist übrigens oft recht simpel – ihren Vertretern schmecken alkoholische Getränke einfach nicht. Frauen sind in dieser Gruppe im Vergleich zu Männern deutlich öfter anzutreffen. Gleichzeitig spielen bei ihnen nach wie vor gültige gesellschaftliche Konventionen, wenig Alkohol zu trinken, sowie Befürchtungen vor einem Kontrollverlust durch Alkohol eine größere Rolle.

Abstiegsangst der Mittelschicht prägt Trend zu Abstinenz/Askese

Hasso Spode, Kulturhistoriker an der FU Berlin und Alkohol-Experte, sieht inzwischen einen generellen Trend, weniger Alkohol zu konsumieren oder abstinent zu leben. Er spricht in diesem Zusammenhang von “Thematisierungskonjunkturen”. Seit den 1990er Jahren sei eine Abkehr vom Hedonismus der Nachkriegsjahre sowie der 1968-Generation zu verzeichnen, die inzwischen auch “Askese” gesellschaftsfähig macht. Begonnen habe dieser mit der Einführung der Rauchverbote, aktuell setzen die Diskurse zu Übergewicht und Alkohol Akzente. Ihren Fokus haben diese Trends in den bürgerlichen Mittelschichten, die sich heute unter anderem über “Selbstbeherrschung und Askese” definieren – ihre Protagnisten gehen in den Bioladen und leben immer öfter abstinent. Spode verknüpft diese Verhaltensänderungen nicht zuletzt mit den “sozialen Abstiegsängsten” der Mittelschicht. Die Sozialpsychologin Irmgard Vogt, eine der bekanntesten Suchtforscherinnen in Deutschland, spricht ebenfalls von Abstinenz als einem “kulturellen Trend”, da die moderne Arbeitswelt von ihren Leistungsträgern hohe Leistungsfähigkeit und damit Fitness und Gesundheit fordere.

Spode geht davon aus, dass die Forderung nach Abstinenz mindestens die nächsten zehn bis 20 Jahre prägen wird, sich danach – ebenso wie die US-amerikanische Prohibition in den 1920er und 1930er Jahren – aber auch in ihr Gegenteil verkehren kann. Aus Sicht der Gesundheitsakademie Schmidbauer wird diese letzte Frage vorerst offen bleiben. Auch die Askese-Frage stellt sich bei unseren Intensivtrainings gegen Alkoholprobleme nicht. Im Zentrum unserer Arbeit steht dagegen die Möglichkeit eines freien, selbstbestimmten Lebens, in dem Süchte keine Rolle spielen.

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Datum: Montag, 18. Februar 2013 11:00
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